| Epilog beim Tode Henri Bergsons (1859–1941) | Die gekrachte Schublade – 6. September 2026 ![]() |
beim Tode Henri Bergsons
(1859–1941)
Bergson wurde als Engländer geboren, 1859, also im Jahre des Erscheinens von Darwins epochalem Werk „Über die Entstehung der Arten“. Er wurde der repräsentative französische Denker, stirbt 1941, zu Epiphanias (gewissermaßen am Geburtstage der Jeanne d’Arc), – als das französische Volk im tiefsten Zusammenbruch seiner geschichtlichen Existenz steht. Die politische Ideologie der Sieger über Frankreich aber bedient sich der ins Politische gewendeten Grund- und Kernbegriffe der Philosophie Bergsons (und nur mit Rücksicht auf diesen letzten Umstand ist es vermerkenswert, dass Bergson von jüdischer Abstammung war).
Die Zusammenschau dieser Daten will Symptom sein. Mit Symptom ist gemeint ein Gesicht, das einen eindrucksvoll anblickt, und zugleich auf Hintergründe deutet, – wie etwa das Gesicht des Gelbsüchtigen durch sich selbst eindrucksvoll ist, und zugleich dem Diagnostiker eine Krankheit des Darms oder der Leber anzeigt.
Der Diagnostiker und Therapeut Rudolf Steiner mutet der Intelligenz allen Ernstes zu, die geistigen Gehalte von so etwas wie Geschichte nicht aus den illustrierten Tageszeitungen zu entnehmen; er mutet der Intelligenz zu, das Wissen über das Wirkliche habe sich – allgemein – der Führung der Wissenschaft vom „Okkulten“ anheimzugeben. Da ergeben sich denn an den heruntergekommenen Fakultäten Luzifers die bekannten Missverständnisse. Man hört vom anthroposophischen Anspruch okkulter Erkenntnis und stellt sich aus frommem Intelligenzverderb vor: ein Guckloch werde heimlich in den christlichen Himmel gebohrt; privilegierte Astlochgucker schielten auf Leitern sozusagen verbotenerweise in den Geschäftsbetrieb Gottes. Es wäre an der Zeit, dass die Kommilitonen von der frommen Fakultät einsehen, dass auf die Dauer mit dieser plumpen Entstellung des Problems der Erkenntniserweiterung nicht auszukommen ist.
Rudolf Steiner fordert zur symptomatologischen Geschichtsbetrachtung auf. Sie hat zu ihrer Bedingung das Geführtsein durch die Wissenschaft vom „Okkulten“. Das Okkulte deutet sich an im Symptom. Das Kausalgeschiebe der bloßen äußeren Tatsachen, von dem die illustrierten Zeitungen und die konventionellen Geschichtsbücher berichten, ist nicht das Wesentliche an der Geschichte; die Tatsachen sind als Tatsachen in dem Grade unwesentlich, als sie die Hintergründe verdecken. Rudolf Steiner vergleicht die Tatsachen der Philistergeschichte mit den Buchstaben, in denen der „Faust“ gesetzt ist: nicht auf die Beschreibung der Buchstaben komme es an, sondern auf das, was hinter den Buchstaben und hinter den Tatsachen steht (Zyklus 47,1,8).
Es bedeutet noch immer ein Risiko, Einzelnes aus den Mitteilungen der okkulten Forschung anzuziehen. Rudolf Steiner sieht das Wirken und Nebeneinander der unterschiedlichen europäischen Völkercharaktere – der Engländer, Deutschen, Franzosen, Russen usw. – wie einen „auseinandergelegten Seelenmenschen“ (Zyklus 47,1,8). Unsere Bildungsintelligenz glaubt in derlei ein unverbindliches Analogiespiel vermuten zu sollen (daher eben das Risiko, davon zu sprechen). Schade; es würde sich intelligenterweise verlohnen, zu erreichbaren Einsichten in methodische Zusammenhänge vorzudringen, die es dem Anspruchsvollen ermöglichen, diesen Hinweis auf den „auseinandergelegten Seelenmenschen“ seriös zu nehmen. In der Einzelseele des Menschen unterscheiden sich bestimmte Seelenglieder; sie entsprechen bestimmten Reifezuständen innerhalb einer gesamtmenschheitlichen Entwicklung. In den verschiedenen Volkscharakteren lebt sich vorzüglich je ein bestimmtes Seelenglied aus. So erlebt der Engländer als Engländer die Welt durch die „Bewusstseinsseele“, der Franzose durch die „Verstandes- oder Gemütsseele“. Diese termini technici sind Behelfsmittel zur Verständigung über Erfahrungsinhalte. Als Gesamtaufgabe der nachmittelalterlichen Zeitepoche erscheint die Bewältigung der sinnenfälligen Außenwelt. In dieser Aufgabe beteiligt sich vorzüglich die „Bewusstseinsseele“. Zeitrepräsentativ daher das Engländertum und sein Fertigwerden mit der Welt der äußeren Tatsachen. Der Franzose hat gegenüber dem unproblematischen Umgang der Bewusstseinsseelenhaftigkeit mit der Außenwelt bestimmte Reserven der Innerlichkeit zu aktivieren. Die „Verstandes- oder Gemütsseele“ hat Traditionsschätze der Seele zu bewahren. Ein adäquater Ausdruck des Engländertums ist der Darwinismus und der Spencerismus. Um gegen ein wissenschaftliches Zeitalter anzugehen, dessen Gesamtsignatur im Darwinismus ausgedrückt war, dazu rekurrierte der geborene Engländer Bergson auf die Möglichkeiten des französischen Seelentums. Aus dessen Reserven konnte der Versuch unternommen werden, die Würde, Macht und Eigenständigkeit des innerlich Seelischen gegen die Prätentionen einer Wissenschaft des äußerlich Materiellen zu behaupten. Es scheint reichlich paradox, angesichts der Tatsachen der Gegenwart, von einer gesamtmenschheitlichen Zielsetzung aus zu denken, auf welche die Hintergründe der Tatsachengeschichte ausgerichtet sind. Und wiederum: anspruchsvolle Intelligenz wolle zur Kenntnis nehmen, wie von Rudolf Steiner im Zusammenhang mit solcher Zielsetzung von einem Christusweg und Christusimpuls in den Hinter- und Untergründen der konventionellen Tatsachengeschichte gesprochen wird. Der Christusweg brauchte nicht der Weg der Kirche zu sein. Die Kirche hatte eine Jeanne d’Arc dem Scheiterhaufen zu übergeben. Die Mission des Hirtenmädchens, im Dienste des Christus, nämlich die Verhinderung des Aufgehens des Franzosentums im Engländertum in einem bestimmten historischen Momente, wird im Zyklus 39 (4. und 5. Vortrag) angedeutet. Ein charakteristischer Unterschied des mitteleuropäisch-deutschen und des englischen Seelentums ergibt sich aus beider Verhältnis zur Theosophie. (Rudolf Steiner versteht Theosophie als die universelle gedankliche Möglichkeit, die Inhalte der okkulten Forschung mitzuteilen. Einer früher bildhaft-symbolischen Mitteilungsart entspricht heute zeitgemäß eine wissenschaftlich-begriffliche. – Über das Verhältnis von Philosophie, Theosophie und Okkultismus vergl. Zyklus 22,10,19f.) In Mitteleuropa erwächst das Theosophische wie selbstverständlich aus der eigenen geistig denkerischen Arbeit (Goethe, Herder, Lessing). Dem englischen Wesen entsprach es, das Theosophische dem eigenen Geistigen äußerlich hinzuzufügen. Für das Mitteleuropäertum stellt sich mit besonderer Dramatik die Frage, ob man die Resignation aufbringt, das Philosophisch-Theosophische in seiner Begrenztheit zu sehen: eben Element der Rezeption zu sein für die Mitteilungen der okkulten Forschung.
Die schweizerischen Nekrologe auf Bergson scheinen anzudeuten, dass die Hoffnungen aus der Zeit, als Bergsons Hauptwerk „Schöpferische Entwicklung“ in deutscher Übersetzung erschien (1912; Original 1907), an Enthusiasmus eingebüßt haben. Es liegt Resignation in dem rückblickenden Urteil: Bergson habe gegen das Gift des mechanistischen Denkens das Gegengift produziert. Vormals, am Beginn dieses Jahrhunderts, orientierte und befriedigte sich an der Philosophie Bergsons das Sehnen der europäischen Intelligenz nach einem Weltbild, – nach einem Bilde, in dessen Mitte die freie Schönheit des menschlichen Ich erstrahlte, durch sein Licht eine dunkle Welt erhellend.
Bergson vollzog die Revision des Geltungsanspruches der mechanistischen Naturwissenschaft. Deren Gesetze wollen das objektiv Wirkliche ausdrücken, – unter der Bedingung, dass nichts aus dem subjektiven Erleben des Forschers in ihnen enthalten ist. Die gedankliche Systematik dieser Naturwissenschaft arbeitet mit dem menschlichen Gedanken wie mit einer verselbständigten Apparatur, an der ihr Ursprung aus der denkenden menschlichen Seele uninteressant ist. Kein Wunder, wenn der Philosoph, als Anwalt des seelischen Ich, dieses Ich aus dem Gedankensystem der Wissenschaft wie hinausgeworfen empfindet. In dieser Lage war Bergson, als er das wissenschaftliche Denken seiner Zeit beobachtete. Er machte sich zum Herrn der Situation, indem er die mechanistische Naturgesetzlichkeit deklassierte. Die starren Begriffe der Wissenschaft erreichen die dynamische Lebenswirklichkeit nicht. Um in den Werdestrom der lebendigen Wirklichkeit einzutauchen, bedarf es der außergedanklichen „Intuition“. Von solcher „Intuition“ aus setzt sich Bergson mit den Inhalten und Materialien der Wissenschaft seiner Zeit auseinander. Gegen die Jämmerlichkeiten der Assoziationspsychologie rehabilitiert er die dauernde Einheit und schöpferische Ganzheit des Seelischen. Von der intuitiv erlebten Realität der Selbstwahrnehmung ausgehend, findet er in den Materialien der Wissenschaft keine Gegenbeweise gegen seine Anschauung von der Leibesunabhängigkeit und Eigenständigkeit der Seele. Das Wesen des Gedächtnisses deutet er als rein innerseelisches Geschehen. Gegenüber der Entwicklungsidee des materialistischen Monismus entwickelt er das Bild eines Werdens, das sich wie das Schaffen eines Selbstbewusstseins ausnimmt. Was ist das für ein Wesen, das die Lebewesen in eine aufsteigende Entwicklungsreihe hineinstellt? Bergson glaubt aus Instinkt und Intuition zu wissen: die in der Seele erhaschte Lebensschwungkraft ist das gleiche Wirklichkeitselement, das die Gestalten von Entwicklung zu Entwicklung treibt, um sich als innerste Lebensrealität zuletzt im Menschen selbst anzuschauen. Die Urrealität hat die mannigfaltigen niederen Lebewesen aus sich herausgesetzt, damit zuletzt der selbstbewusste Mensch aus der Entwicklungsreihe hervorgehen konnte. Beim Schaffen dieser den Menschen ermöglichenden Formenwelt hat sich die Urrealität verausgabt, sie musste einen Teil ihrer Gesamtwesenheit zurücklassen, um sich als Mensch ausleben zu können. Im Menschen erscheint daher die Urwesenheit nicht in ihrer ursprünglichen Ganzheit und Fülle. Dennoch erscheint sie so, dass in unbestimmter Weise eine Art höherer Mensch als das Was und Wesen zu erahnen ist, das von Anfang an die Entwicklung der Lebewesen schöpferisch gestaltet. „Alles geht so vor sich, als ob ein unbestimmtes und wollendes Wesen, mag man es nun Mensch oder Übermensch nennen, nach Verwirklichung getrachtet und diese nur dadurch erreicht hätte, dass es einen Teil seines Wesens unterwegs aufgab. Diese Verluste sind es, welche die übrige Tierheit, ja auch die Pflanzenwelt darstellen.“ (Schöpfer. Entw. dtsch., S. 270.)
Die Unverbindlichkeit eines beschwingten Spiels mit Bildern und Analogien beeinträchtigt nicht die Positivität des Beitrages Bergsons: die Rettung des Selbstbewusstseins aus dem Schuttmaterial der Wissenschaft. Die Tragweite dieses Beitrages wird bestimmt von den Schranken, die der Philosophie als solcher gesetzt sind. Rudolf Steiner: „… die Zeit der Philosophie ist erfüllt. Die Philosophen haben ihr Zeitalter hinter sich gehabt. Das einzige, was heute Philosophie sein kann, ist die Rettung des Ich, des Selbstbewusstseins. Das wird die Philosophie begriffen haben müssen. Daher versuchen Sie von diesem Gesichtspunkte aus meine Philosophie der Freiheit zu verstehen …“ (Zyklus 22,10,19.)
Der Versuch einer andeutungsweisen Konfrontierung der Philosophie Bergsons mit der Möglichkeit von Anthroposophie müsste von der Feststellung ausgehen, dass die anthroposophische Bewegung nicht der Meinung huldigt, das Welträtsel „wissenschaftlich“ lösen zu sollen. Die Mitteilungen der Geisteswissenschaft, d.h. der okkulten Forschung, haben die Bedeutung einer Nährsubstanz für das „Baby“ unter den Geistern: das menschliche Ich. Der Ausdruck „Baby“ wird öfters von Rudolf Steiner gebraucht; er meint das nackte Wesen, das sich aus den Wässern des Philosophischen zu retten vermag. Gegenüber dem Initiator der okkulten Wissenschaft ist das Ich-Baby inhaltleer. Der Weg des Initiiertwerdens fordert das Abstreifen des gewöhnlichen Persönlichkeitseins. Im Moralischen bedeutet das Initiiertwerden das sich Umkleiden mit höherer Persönlichkeit (Paulus).
Über das Ich gibt sich Philosophie leicht einer Illusion hin. Sie meint vom wirklichen Ich sprechen zu können, hat indessen stets nur einen Ich-Ersatz zur Verfügung, eine Art Abspiegelung des wirklichen Ich in der Ich-Vorstellung. Diese ist der Garant der Einheit der Persönlichkeit im gewöhnlichen Sinne. Über das adäquateste, wenngleich negative Verständnis für das wirkliche Ich verfügt die Theologie mit der protestantischen Lehre vom Hl. Geist. Sie versteht unter dem selbstbewussten Ich den Gott als Hl. Geist. Über den Inhalt dieses Selbstbewusstseins weiß sie rein nichts. Außerdem leugnet sie die Möglichkeit, das Ich-Baby könnte in der Seele des Menschen wiedergeboren werden. Sie pflegt verdämmernde vage Vorstellungen darüber, dass der Christus zur Rettung der Seelen gekommen. Am Problem der Errettung des Selbstbewusstseins erklärt sie sich – auf Autorität bedacht – desinteressiert. Ohne Verständnis für die Trichotomie, verschläft sie die Aufgabe der okkulten Wissenschaft, Führerin zu sein bei der Aktualisierung der Materie und Möglichkeit des Ich, d.h. bei der Erfüllung des potentiellen Selbstbewusstseins mit Inhalt.
Die negative Bewertung, welche diese Theologie der philosophischen Ich-Erkenntnis (Theologia naturalis) zuteil werden lässt, wird von Rudolf Steiner in einem Bilde unterstrichen: „Der Mensch glaubt sein Ich zu kennen, aber wie kennt er sein Ich? Sehen Sie, wenn Sie eine rote Fläche haben und ein Loch machen und der Hintergrund finster ist, gar nichts ist, so sehen Sie rot und Sie sehen das Loch als schwarzen Kreis; das Nichts nehmen Sie wahr, wo der schwarze Kreis ist, da ist nichts. So wie das umliegende Rot, so sehen Sie in Ihrem Seelenleben auch das Ich. In Wahrheit ist das, was der Mensch glaubt als Wahrnehmung seines Ich zu haben, nur ein Loch in seinem Seelenleben (Zyklus 47,9,5).
Philosophen – von Fichte bis Bergson – geben sich der Täuschung hin, die Urrealität der Welt im Ich zu erhaschen. Ihnen hält Rudolf Steiner das Argument entgegen: Wie sollte das selbstbewusste Ich jenes Reale und „Dauernde“ sein können, wo doch das bewusste Ich offensichtlich nicht dauert, sondern intermittiert, nämlich jede Nacht im Schlafe! Dagegen fragt allerdings der Okkultismus nach eben dem Realen, das den Fortbestand des Menschen durch die Schlafperioden hindurch garantiert, und als Ersatz für das intermittierende Philosophen-Ich wirklich „dauert“. Dieses Dauernde ist der potenzielle Produzent von Erkenntnissen, die einem Bewusstsein entsprechen, dem gegenüber das Philosophenich schläft und Unbewusstsein ist. Intuitives Einssein mit dem Realen bedeutet Aufwachen im höheren Bewusstsein. Damit wäre die Bedingung angedeutet für einen Vergleich des Gebrauchs des Terminus „Intuition“ bei Bergson und bei Rudolf Steiner.
In Bezug auf die Bewertung des Gedankens besteht eine Analogie zwischen Bergson und Rudolf Steiner. Von Rudolf Steiner hören wir: „Die Welträtsel lösen sich nicht durch Gedanken“ (Mein Lebensgang, S.223). Dieser Satz hat einen unvergleichlichen positiven Sinn. Er ist geradezu unentbehrlich zum Verständnis der Möglichkeit von Anthroposophie. Die These „Die Welträtsel lösen sich nicht durch Gedanken“ bestätigt und unterstreicht die bereits aufgestellte Behauptung, dass die anthroposophische Bewegung ihrem Wesen nach keine Wissenschaftsbewegung sein kann. Sie ist eine Lebensbewegung, besser: Schauplatz einer weltpädagogischen Aktion. Ihre Pädagogik versetzt das Ich-Baby in die Möglichkeit, diejenigen Fragen zu stellen, die ihm von Theologie wegen verboten werden müssen, weil man keine Antwort hat. Das Fragen-Können, d.i. der Ausblick auf die Möglichkeit der Antwort, setzt die Wirklichkeit der Antwort voraus. Verantwortung im höheren Sinne heißt Ableitung der Frage aus der faktischen Antwort. Die Legitimität der Frage ist die Folge der verwirklichten Antwort, das Welt-Rätsel die Folge seiner Lösung. Rudolf Steiner: „… die ganze Welt außer dem Menschen ist ein Rätsel, das eigentliche Welträtsel; und der Mensch ist selbst die Lösung.“ (Mein Lebensgang, S.223.) Die unverwechselbare Besonderheit dieser These ist es, dass sie die Grundaussage der okkulten Wissenschaft ist.
Die Möglichkeit der Anthroposophie liegt darin, dass an der vorliegenden Antwort „Der Mensch ist selbst die Lösung des Welträtsels“ Fragen entwickelt werden können. Da ist der natürliche Mensch. Die Antwort des Okkultismus, er bestehe aus Physischem Leib, Ätherleib, Astralleib, Ich, – ermöglicht das rechte Fragen. Recht fragen heißt, aus unbefangener eigenverantwortlicher Beobachtung die Wahrheitsleistung der Antwort selbst einsehen. Dieses „selbst einsehen“ ist die Säuglingsmilch für das Ich-Baby. An solcher Frag-Würde dürfen die eitlen Aspirationen des Persönlich-Allzupersönlichen resignieren.
Die okkulte Forschung kleidet ihre Resultate in die Gedanken der Theosophie; diese Gedanken wollen nicht das Welträtsel theoretisch lösen; sie dienen der Aktualisierung des potentiellen Ichbewusstseins. Ältere Formen der Einweihung schalteten das egoistische Selbst der natürlichen Person dadurch aus, dass sie dem höheren Selbst die belebende geistige Nahrung bei herabgestimmtem Persönlichkeitsbewusstsein zuführten. Heute soll der Ausschluss des allzumenschlichen Ego der natürlichen Person durch moralische Anstrengung bei wachem Bewusstsein erreicht werden. Jetzt kann der Initiator mit dem vollwachen Bewusstsein des zu Initiierenden rechnen: eben mit dem Gedanken, der – im Nachgedachtwerden – ein Selbst-Erzeugnis sein muss.
Einer Theologie des Hl. Geistes dürfte es möglich sein, das zur Frage stehende Problem in eigensten Kategorien zu denken: Zur Aufgabe steht, Christus im Geist als denjenigen zu finden, durch dessen Denken die andern Menschen als Denkende an der geistigen Wirklichkeit teilnehmen. Die Möglichkeit dieses Findens, das keine „hellseherischen“ Fähigkeiten voraussetzt, ist dem 20. Jahrhundert in Aussicht gestellt.
Das Initiationswesen des Okkultismus betreut das Geheimnis der Welt. Wir sehen, wie im Zeitalter des vorwitzigen Intellektualismus das „christliche Geheimnis“ in inhaltleeren theologischen Abstraktionen zerredet wird. Die Praxis der Initiation sichert den Schutz der Weltgeheimnisse vor Profanierung; der Schutz besteht darin, dass die Rezeption der Inhalte des Okkulten bedingt ist von einer Steigerung der moralischen Potenz.
Die These des Okkultismus, der Mensch selbst sei die Lösung des Welträtsels, ist der Vorhang vor dem Weltgeheimnis. Die These deutet ja nur an, dass der Okkultismus mit der tiefsten geistigen Absicht des neueren Geisteslebens rechnen will: die Aufklärung über das Weltgeheimnis aus der Aufklärung über das Menschenwesen zu gewinnen. Das Problem des Okkultismus ist am deutschen Geistesschicksal zu verdeutlichen. Hegel glaubte, im Denken drücke sich das Ich aus, das von der Theologie als Gott und Hl. Geist erfragt wird. Stirner hatte die Hegelsche Usurpation als Illusion zu entlarven: Das Denken drückt das Ich nicht aus; das Ich ist unausdrückbar, das Ich hat keinen angebbaren Inhalt. Das Ich ist – Nichts, besser: die Kraft des Nichts. Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ erweist ein ausgezeichnetes Denken als die Substanz der Natur (Gott-Natur im Sinne Goethes); die Frage, ob das Denken der „Philosophie der Freiheit“ das ICH ausdrückt, blieb offen. Hier konnte sich das Problem des Okkultismus konstituieren.
Zyklus 22, S.5f. spricht das Problem aus:
An dieses „Einzige“, was sich da als Ausdruck des Ich im Äußeren zeigt, hatte Stirners „Einziger“ noch nicht denken können. Im gleichen Momente nun, da gesagt wird, das Ich drücke sich aus in der „menschlichen Gestalt“, wird auch schon mitgesagt: Die menschliche Gestalt ist für den okkulten Blick nicht, wie sie sein sollte. Sie ist oben verdorben durch Hochmut, unten verdorben durch Gier (Zyklus 22,4,7). Das heißt: die Erdenform der menschlichen Gestalt ist Produkt. In der Beantwortung der Frage, wessen Produkt sie sei, erschöpft sich der Inhalt der Anthroposophie. Die Frage nach dem Produzenten ist die Freiheitsfrage.
Das Ereignis Anthroposophie ist die Neuordnung des Freiheitsproblems. Es ist eine Kalamität, dass die rationellen Vorstellungen über das Ereignis Anthroposophie noch zu wenig ausgebildet sind, um als Verständigungsmittel der europäischen Intelligenz wirksam zu sein. Sofern es in der gegenwärtigen Weltkrise um „Neuordnung“ der Welt gehen sollte, steht man innerhalb von Folgen, die sich an bereits geschehene geistige Fakten der Neuordnung anschließen.
Die anthroposophische Neuordnung des Freiheitsproblems ist gegen historische Gestalten des gleichen Problems abzugrenzen. Thomas von Aquino verstand unter der Freiheit Gottes den Entschluss Gottes, zum notwendigen Wesen des Seins „Ja“ zu sagen. Dagegen läuft der Protestantismus Sturm, – in der Freiheitslehre Fichtes, Schellings, Hegels – und Karl Barths. Die protestantische Freiheitserkenntnis will Freiheit als absoluten Anfang, als bedingungsloses spontan uranfängliches sich ins Dasein-Setzen des Geistes, als freie Willkür Gottes. Sowohl die philosophischen wie die theologischen Idealisten, wie Barth, streiten im Auftrage des Protestantismus gegen Bedingtheiten, die einer „unbedingt“ als „Ursprung“ und Willkür und absolute Herrschaft zu verstehenden Freiheit gesetzt sind.
Anthroposophie nimmt das Freiheitsproblem dort auf, wo es Max Stirner kraft Auftrag des deutschen Geistesschicksals liegen ließ. Sie rekurriert auf die Kraft des Nichts, nämlich auf die Kraft des Nichts des Gottestodes auf Golgatha. Sie sucht Freiheit nicht als Willkür, sondern enthüllt Freiheit als Opfer. Es bedeutet Opfer, wenn das Ich die Freiheit erwählt, sich in der „menschlichen [erbsündig verdorbenen] Gestalt“ ausgedrückt zu finden. Anthroposophische Initiation sieht im Nachvollzug des Gottestodes auf Golgatha die Bedingung für die Erfüllung des Ich, als des moralischen Mittelpunktes der Welt, mit dem Inhalt der Freiheit. Sie durchschaut als Anmaßung die Annahme der Theologie und Metaphysik, es könne in der göttlich-geistigen Welt ein mit dem Inhalt der Freiheit erfülltes Selbstbewusstsein geben; sie weiß, dass der Erfüllung des Ich mit seinem eigensten Inhalt eine Bedingung gestellt ist: das Auferstehen aus der Kraft des Nichts des Gottestodes. Es ist Mythologie, wenn theologischer oder metaphysischer Theismus von einem in der geistigen Welt existierenden Ichbewusstsein reden. Diese göttliche Ich-Anmaßung ist das Werk Luzifers, des Feindes der rechtmäßigen Götter, die in dem Ereignis auf Golgatha die Bedingung ihres Ich-Bewusstseins als ihrer Freiheit verehren.
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Hier endet der gedruckte Aufsatz. Es ist dann noch folgende handschriftliche Notiz von Ballmer erhalten:
Fortsetzung Bergson-Epilog:
Das Ich nicht in der Natur und nicht in der Geschichte
gegen Hegel
sondern aus der Transzendenz
Gegebenheit des Ich
Dieser Text erschien im Februar 1941 in der schweizerischen anthroposophisch orientierten Zeitschrift „Gegenwart“ (die auch heute noch existiert). Der Titel „Epilog beim …“ deutet vielleicht darauf hin, dass Ballmer, dem ja der Sterbezeitpunkt von Philosophen und überhaupt öffentlicher Persönlichkeiten wichtig war, direkt nach dem Tod Bergsons (4. Januar 1941) den Aufsatz schrieb, um sozusagen den Toten selbst „denken“ zu lassen. Vgl. etwa die Einführung in „Ehrung – des Philosophen Herman Schmalenbach“: „Weil Gott (der Vater Tod) sich im Tode von Philosophen zu offenbaren pflegt, werde ich zu fragen haben, ob ich, Schmalenbach ehrend, die Wirkung seines Todes sein kann.“ – Der zitierte „Zyklus 22“ ist heute als GA 137 veröffentlicht.
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