| Moralische Grundlagen der Weltwirtschaft | Die gekrachte Schublade – 6. September 2026 ![]() |
18. November 1945
Literarisches
Es gibt einen „Schweizerischen Studentenverein“. Diese Firmenbezeichnung leidet an einem Schönheitsfehler, sie ist irreführend. Es ist der Firma „Schweizerischer Studentenverein“ nicht anzusehen, dass es sich um die Vereinigung der katholischen Studierenden in der Schweiz handelt. Die nicht-katholischen Studentenvereine haben sich gelegentlich mit Recht gegen das unfaire Gebaren ihrer katholischen Kommilitonen beschwert, doch wurde die Angelegenheit um des lieben Friedens willen unerledigt gelassen.
Der soitdisant „Schweizerische Studentenverein“ hat nunmehr sein bisheriges Vereinsblatt in eine anspruchsvolle und komfortable Monatsschrift umgewandelt. Sie erscheint ab Oktober in einer Auflage von 6000 Exemplaren unter dem Namen „Civitas“, was soviel heißt wie „der Staat“, oder hier im besonderen Falle „der katholische Schweizerstaat“. Das Eröffnungsheft der „Civitas – Monatsschrift das schweizerischen Studentenvereins“ ist bemerkenswert harmlos; die künftigen katholischen Staatsmänner stürzen sich geistig durchaus nicht in Unkosten; sie betrachten liebevoll die geschichtliche Vergangenheit ihres Vereins und scheinen in der Vergangenheit die Gewähr zu sehen für ihre eigenen künftigen Stellungen im Staate.
Nur an einer Stelle stößt man auf einen Gedanken, und dieser ist beachtlich wegen seiner Schiefheit. Es handelt sich um eine Kritik vom katholischen Standpunkt an Herrn Röpke, dem geistigen Führer der Seldwyler Intelligenz. Röpke vertritt in seinen vielbeschwatzten Büchern die Auffassung, die moderne „Weltwirtschaft“ habe zu ihrer moralischen Basis das Christentum, und zwar jene Verfallsform des Christentums, die nach der Auflösung des Mittelalters als verweltlichtes Christentum übrig blieb, als der Kirchenglaube mehr und mehr ein bloßes Werkzeug der Politik wurde. Gegen diese Ansicht des Professors Röpke bäumt sich die „Civitas“ auf: Es sei unrichtig, die moralische Grundlage im verweltlichten Christentum zu sehen, wichtig sei vielmehr, dass das Christentum trotz seines Verfalls noch immer die moralische Substanz für die „Weltwirtschaft“ abgegeben habe. – Diese Kontroverse bietet zugleich ein hübsches Muster für das Niveau des akademischen Bildungsgeschwätzes.
Der sozialistisch Geschulte kann nur lachen, wenn im obigen Stil von den „moralischen Grundlagen“ der Weltwirtschaft deklamiert wird. Die Wirkungen einer „Weltwirtschaft“, die von Leuten wie Röpke als ein freies Konkurrenzspiel wüster Egoismen gemeint ist, liegen ja heute offen zutage. Der sozialistisch Geschulte weiß, dass die Weltwirtschaft zunächst überhaupt keine „moralische Grundlage“ hat. Sie ist eine Tatsache, die sich als Folge der modernen Arbeitsteilung in Verbindung mit dem entwickelten Weltverkehr ergeben hat. Innerhalb der arbeitsteiligen modernen Wirtschaft und Weltwirtschaft arbeitet kein Einzelner für sich, jeder arbeitet für alle Anderen und jeder befriedigt seine materiellen Bedürfnisse aus der Arbeit der Anderen. Dieser tatsächliche Zustand, dass in der Welt der Arbeitsteilung nach dem Prinzip „alle für einen, einer für alle“ gearbeitet wird, entspringt nicht einer „moralischen“ Absicht. Hätte die moderne Weltwirtschaft auf die moralischen Absichten der Menschen warten müssen, sie wäre noch nicht da! Der Zustand der modernen Weltwirtschaft ist ein wirtschaftliches Sein, und das moralische Bewusstsein einer werten Christenheit ist noch längst nicht so entwickelt, dass es den wirtschaftlichen Altruismus auf Grund wissenschaftlicher Einsicht zu begründen vermöchte. Die kirchlich-päpstliche Moral fordert bekanntlich noch immer nicht den Altruismus, sondern den wirtschaftlichen Egoismus ( Privateigentum auch für gerissene notorische Ausbeuter!).
Der Sozialismus ist im Recht: das Sein ist früher als das Bewusstsein, das Bewusstsein folgt dem Sein als Reflex.
k.b.
Eine von ca. 30 Glossen für die Berner Tagwacht (diese wurde offenbar nicht unveröffentlicht).
👉 Aus der „gekrachten Schublade“ bekommen Sie wechselnd verschiedene Texte von Karl Ballmer zu lesen. Bei der Auswahl gilt das Motto von Rudolf Steiner: „Es muss der Zufall in seine Rechte treten.“ Besuchen Sie diese Seite also öfter. Bei Fragen kontaktieren Sie uns bitte.⇑