Der Text (datiert auf den 20. Mai 1943) entstammt einer im Nachlass enthaltenen Mappe, in der handschriftlich eine knappe Skizze zu einem Buch „Die Weltanschauung Rudolf Steiners“ niedergelegt ist.

Die Weltanschauung Rudolf Steiners

Unter der Weltanschauung Rudolf Steiners versteht die folgende Darstellung die Summe der Ideen, die Rudolf Steiner im Namen seiner voll entwickelten Persönlichkeit geschaffen und veröffentlicht hat. Als ein gewisser Abschluss dieser Produktion erscheint literarisch das Büchlein über die „Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens“, 1901. Die anschliessende eigentlich anthroposophische Produktion Rudolf Steiners fällt nicht unter diesen Gesichtspunkt der Weltanschauung. Die Weltanschauung der Anthroposophie will der Welt nicht die Erkenntnisse einer einzelnen Persönlichkeit vorstellen: Sie vermittelt Antworten auf Fragen, die in jedem einzelnen Menschen zwar nicht als gedanklich formulierte Fragen da sind, aber als erlebte Lebensfragen das seelische Schicksal der Menschen bestimmen.

Die geistige Kraft, die die Weltanschauungsideen hervorbrachte, hat die notwendige Folge, mit diesen Ideen unterzutauchen in die Lebenswirklichkeit der Menschheit. Anthroposophie entsteht nicht zu diesem oder jenem Zweck, sondern deswegen, weil eine Ideenwelt geschaffen ist, die aus sich selbst heraus dazu drängt, ihr eigenes Leben verströmend aus dem Leben der Menschheit zu haben.

Das Blatt enthält ausserdem am Rand die Bemerkungen „Anthroposophische Weltanschauung 48, 2, 3“ sowie „Weltanschauung Gottes“. Mit dem ersten Hinweis ist folgende Passage aus Rudolf Steiners (Vortrags-) „Zyklus 48“ (Berlin 29. Januar 1918, heute enthalten in Band 181 der Gesamtausgabe) gemeint:

Vieles lässt heute die Wissenschaft unbefriedigt. Und wenn jemand sich nur entschließen kann, im Goetheschen Sinne auch in der Kunst, namentlich in der künstlerischen Betrachtung der Welt wirkliche, substantielle Wahrheit zu suchen, so findet er vielleicht heute mehr Wahrheit auf diese Weise, als bei dem, was anerkannte Wissenschaft ist. Es wird in der Zukunft eine Weltanschauung geben, welche gerade die aus der Geisteswissenschaft hervorgegangene sein wird, so wenig man das heute noch durchschauen kann. Eine Weltanschauung wird es geben, die aus einem gewissen menschlichen Erkenntnisbedürfnis wissenschaftliches Empfinden der Welt und künstlerisches Empfinden der Welt in einer höheren Synthese und Harmonie vereinigen wird. Darin wird dann viel mehr Hellsehen sein als in jenem Hellsehen, von dem heute mancher Mensch träumt, aber eben nur träumt.