Mit Agnes Holthusen war Ballmer von seiner Hamburger Zeit her gut bekannt. Im späteren Briefwechsel (besonders intensiv 1947/48) vermischen sich philosophische Themen mit privaten Berichten. Holthusen unterrichtet Ballmer, der Hamburg 1938 verlassen musste, über die Aktivitäten der dort verbliebenen Künstlerkollegen.

Arnold Fiedler, einer der Künstler der Hamburgischen Sezession, schuf in dieser Zeit eine ganze Serie (Grafik und Malerei) zum Thema „Phoenix“. Ein solches Bild hatte er, wie Holthusen im vorhergehenden Brief schrieb, „als Neujahrswunsch für meine Freunde und mich“. gezeichnet; dieses Blatt schickte Holthusen an Ballmer. Ballmer interpretiert dies als „metaphysische Behauptung“. Fiedlers, dass Weihnachten und „Phoenix“. zusammengehören.

Die Anfangs genannte „These“. im Rahmen einer „größeren Arbeit“. findet sich in Karl Ballmer: Umrisse einer Christologie der Geisteswissenschaft, Dornach 1999, S. 192.

Quelle: Nachlass-Faszikel Nr. 252, Blatt 026

Brief an Agnes Holthusen

LAMONE b/Lugano, 27.12.47

Liebe Frau Holthusen,

Arnold Fiedlers Auferstandener (in Schönheit) kam heute früh, 27. Dez., hier an. Mit der metaphysischen Behauptung Fiedlers stimme ich ganz überein; ich musste gerade in diesen Tagen im Rahmen einer größeren Arbeit die These vertreten, dass Ostern der Weihnacht in der Weltgeschichte voraus geht, dass man also eigentlich zu Weihnacht den Vogel Phönix zu malen hat. Meine Metaphysik hinsichtlich Ostern will eigentlich nur besagen, dass man vom Gesetz des (Welt-) Geschehens nichts versteht, wenn man nicht in jeder Minute einmal in die pure leblose Physis den (Oster-) Schwung des Auferstehenkönnens hineinbläst. (Die weihnachtliche Mittelmeervorstellung von so einfach geschenkten sprechenden (philologisch: Logos = Wort usw.) Puppen und Marzipanplätzchen ist doch eher etwas altmodisch-banausisch.) Heutzutage wären somit auserwählte Völker unschwer daran zu erkennen, dass man den Leichnamszustand (+Schwung) als Normalzustand hat. Möglicherweise möchten die Engländer dies auch gemeint haben, sofern sie uns (wir hängen meistens ausgiebig am Nordwestdeutschen Rundfunk, Rothenbaumchaussee 132) 2 oder 3 Tage lang unentwegt fromm-fröhliche Weihnachtsmusik vorgeduddelt haben, sodass man versucht war, doch mal lieber einen mehr östlichen Musiksender einzustellen. Ich muss um Nachsicht bitten. Gestern und vorgestern musste ich je einen größeren Brief schreiben; das ergab ein Intervall in der größeren eigentlichen Arbeit, bei der ich gerade bin. Jetzt muss ich wieder die Fäden anknüpfen an die vor 2 Tagen unterbrochene Arbeit; dazu ist ein kleiner Ruck nötig - und es scheint verzeihlich, wenn ich vor dem Ruck der Laune nachgebe, eine halbe Stunde „mit Hamburg“. zu „plaudern“.. Sie werden gewiss nicht Freund der sog. theoretischen „Gottesbeweise“. sein. Aber vermutlich werden Sie die köstlichen Gedanken und Materialien kennen, die Freud über „Verschreiben“., „Versprechen“., „Versehen“. usw. in seinem Buche „Psychopathologie des Alltagslebens“. ausgebreitet hat. Wenn ich mich im Sinne Freuds „verschreibe“., so ist das eine Art Gottesbeweis, sofern es nur darauf ankommt, dass im Alltagsleben „Sinn“. darinnen ist, wenigstens wenn man so intelligent wie Freud diesen „Sinn“. zu sehen versteht. Aber man kann noch viel weiter gehen als Freud. Man kommt dann darauf, dass das sinngebende Prinzip nicht nur die im Unbewussten wirkende Tiefenperson ist, sondern die Weltleitung selber. Also in bestimmten beobachtbaren Fällen hat man es mit der Causa der Weltleitung selbst zu tun. Ein in dieser Hinsicht interessanter Fall ist der folgende: Auf der Vorderseite des halbquart-Briefbogens steht – mit Schreibmaschine geschrieben – als zweitletzte Zeile des Textes: „…sondern will meinem vorläufigen Dank nur noch herz-“., dann auf der untersten Zeile des Bogens noch: „liche“., dann folgt noch „Weihnachts-“., aber das Wort „Weihnachts-“. ist schon nach unten verrutscht, weil die Schreibmaschine so weit unten auf dem Blatte nicht mehr mochte. Die Schreiberin hat daher „Weihnachts-“. mit blauer Tinte durchgestrichen, hat den Schreibbogen umgespannt und fährt auf der Rückseite des Blattes im Text weiter; und zwar hatte nach „liche“. nun „Weihnachts-“. (und Neujahrsgrüße) zu folgen. Hier an dieser Stelle hat aber unvermutet die Weltleitung direkt eingegriffen, sodass als erstes Wort auf der Rückseite nicht „Weihnachts-“. steht, sondern: „nachts-“.. Die Weltleitung hat aus Stilgefühl die Wirklichkeit offenbaren wollen (eben die schwer trächtige Nacht); es war auch wirklich am N.W.R. etwas viel von englischem Weihnachtspudding, Truthahn und Oratorienmusik zu hören gewesen (Peter von Zahn hat es nicht bös gemeint). Sie werden vermutlich sagen: Au Wei! Bei (in) mir hörte ich gestern einen sagen: Mit hängt der chr. Schw. zum Halse heraus. Also wenn schon Weltleitung und Vorsehung und so, dann wenigstens beobachtbar!

Die Metaphysik bittet um Ihre Nachsicht

Karl Ballmer