Der Text entstand 1932 als Antwort an Dr. Otto Kankeleit. Dieser hatte an zahlreiche schöpferisch Tätige einen Fragebogen versandt, in dem er um Auskunft über die Bedeutung des Unbewussten für die schöpferische Arbeit bat. Die Antworten bildeten die Grundlage für Kankeleits Buch „Die schöpferische Macht des Unbewussten“ (Verlag De Gruyter, Berlin 1933; Zweitauflage, mit einem Vorwort von C. G. Jung, unter dem Titel „Das Unbewusste als Keimstätte des Schöpferischen. Selbstzeugnisse von Gelehrten, Dichtern und Künstlern“, Ernst Reinhardt Verlag, München/Basel 1959). Der Beitrag Ballmers fand keine Aufnahme in Kankeleits Buch.

Ballmers Kommentar zu seinem Text:

„Beitrag für ein Buch eines befreundeten Seelenarztes (Akademiker) über 'Das schöpferische Unbewusste', das außer Zeichnungen von seelisch Erkrankten auch Selbstcharakteristiken von Malern und Schriftstellern über den Schaffensprozess enthalten wird. Der Verfasser des Buches hat Fragebogen verteilt, u. a. mit den Fragen: 'Haben Sie Visionen?' - 'Haben Sie ekstatische Zustände?' Er stellt sich 'Das Unbewusste' recht handgreiflich vor. Meine Selbstdarstellung ist eine unausgesprochene Polemik gegen die Auffassung des Unbewussten als eines Sackes, aus dem irgendwer alles nach Bedarf herausholt, die Anthroposophen sagen so sinnig: 'herunterholt'.“

Quellen: Karl Ballmer, „Der Macher bin ich, den Schöpfer empfange ich“, herausgegeben von Hans Gessner, Besazio 1967, Zweitausgabe 1978; weitere Hinweise im Bildband 1990.

Selbstcharakteristik

Meine Tätigkeit richtet sich zu ungefähr gleichen Teilen auf Malerei und auf Philosophie, wobei sich die beiden Seiten epochenweise ablösen. In einer Epoche des Malens ergibt sich mir eine besondere Nebenwirkung, die ich so charakterisieren kann: während ich male, lebe ich intensivst in dem Gefühl, dass ich mich malend vorbereite fürs Schreiben. Eine ähnliche Nebenwirkung entsteht beim Schreiben: hier weiß ich intensivst, dass ich Kräfte mobilisiere für das spätere Malen.

Ich muss hier einem Missverständnis vorbeugen, das sich leicht einstellen kann bei der Verwendung des Namens „Philosophie“. Ich glaube mir das objektive Urteil erlauben zu dürfen, dass ich kein sogenannter Intellektueller bin. Ich gelange aus spezifisch künstlerischen Grunderlebnissen zur Philosophie. In der Philosophie sehe ich ein Mittel, primär geistig-künstlerische Erlebnisse zu objektivieren. Ich empfinde die Beherrschung der philosophischen Begriffs-Technik als vollständiges Analogon zur Beherrschung der Mittel, über die der Maler bei der Ausführung eines Bildes verfügen muss, also im weiteren Sinn der Mal-Technik.

Ich will eine für mich charakteristische Weise beschreiben, wie ich zum Schreiben komme. Dabei spielt ein ganz beträchtliches Affekt-Erlebnis eine wesentliche Rolle. Es kann etwa das folgende der Fall sein: In einer Art mystischer Intuition bewahre ich als Substanz und Wesenskern eine ausgebildete inhaltvolle Vorstellung über das, was man zu allen Zeiten Wahrheit genannt hat. Es gab und gibt zu allen Zeiten verschiedene Niveau-Ebenen der Wahrheit: banale Alltagswahrheiten, Wahrheit im naturwissenschaftlichen Sinne, Wahrheit im streng erkenntnistheoretischen Sinne usw. Für mein Innenleben spielt sich die Wahrheitsproblematik in der Sphäre menschlicher Handlungen ab. Es ist meine – wie ich glaube auf Anschauung gegründete – Überzeugung, dass nicht nur die Dinge der äußeren Natur von einem einheitlichen Welt-Gesetz erklärt werden; auch die individuellen menschlichen Handlungen sehe ich organisiert von einem einheitlichen Zentrum aus. Unser gegenwärtiges Denken und Sinnen verfügt nur nicht über die Methoden, um mehrere in der Zeit-Raum-Welt verlaufende Handlungen verschiedener Persönlichkeiten auf eine Einheit ebenso zurückzuführen, wie wir die Dinge der Natur etwa nach dem Verhältnis von Ursache und Wirkung aufeinander beziehen und zuletzt auf eine einheitliche Weltursache zurückführen. Meine geistige Gottes-Vorstellung ist somit die Vorstellung eines Ur-Wesens, das in der Totalität gleichzeitiger Handlungen als der innere Organisator und „Herr des Schicksals“ auftritt. Aus dieser inhaltvoll erlebten ursprünglichen Wahrheits-Intuition heraus trete ich an Erscheinungen z. B. der zeitgenössischen Philosophie. Da kann etwas eintreten, was als Vorbedingung unerlässlich ist, wenn ich mit Schreiben beginnen soll. Was da eintritt ist ein Affekt-Erlebnis von erschütternder Heftigkeit. Das Erlebnis lässt sich leicht beschreiben: es ist – oder war bisher immer – ein ganz unbändiger Zorn. Diese Affektation ist ein Risiko bis ins Physiologische hinein. Der Therapeut in mir beauftragt sich nun: „Sieh zu, dass du deinen weltvernichtenden Zorn los wirst!“

Die Affekt-Störung wird nun dadurch beseitigt, dass der Schreibende Schritt für Schritt die Ursache des Affekt-Ausbruches objektiviert. Das kann natürlich nicht wie in der Psychoanalyse ein bloßes Wiedererinnern der Entstehungsumstände des Affektes sein. Die Aufgabe ist ungleich komplizierter. Es handelt sich darum, meine primäre Wahrheits-Intuition in streng begrifflicher philosophischer Arbeit zu prüfen und zu messen an einem von außen gegebenen philosophischen System eines anderen etwa. Bei dieser Tätigkeit wäre jede Einmischung von subjektiv-persönlichen Zutaten meinerseits hinderlich und störend. Maßgebend darf mehr und mehr nur eine im Denken selbst gegebene objektive Notwendigkeit sein, die „Logik“ im nicht-trivialen, höheren Sinne. Bei dieser Objektivierungsarbeit, durch die der Affekt des Ausgangspunktes überwunden wird, stellt sich nun in zunehmendem Grade ein neues Gefühlserlebnis ein, das nicht eigentlich als Affekt zu bezeichnen ist, das aber dennoch qualitativ von nicht geringerer Stärke ist. Dieses Neue ist ein Erlebnis der Harmonie. Das Erlebnis des Ineinanderstimmens von differenten Vorstellungen und Ideen in einem einheitlichen Geist-Ganzen kann ein Harmonie-Erlebnis von erschütternder Wirkung verursachen. Ein solches Harmonie-Erlebnis empfinde ich – subjektiv für mich – als die Vorbedingung des Malens.

Man sagt heute gern, die gegenwärtigen Maler produzierten anders als die früheren. Die Maler vergangener Jahrhunderte sollen angeblich methodischer zu Werke gegangen sein: erst sorgfältige Einzelstudien und dann sorgfältige Ausführung des festgelegten Entwurfes. Dagegen sei die Arbeitsweise der heutigen Maler eruptiv, explosiv. Derartiges mag es geben (Expressionismus). Für mich möchte ich beanspruchen, dass auch heute methodisches Arbeiten für den Maler möglich ist. Zwar wird man im zu bewältigenden Bilde nicht seine fertigen Skizzen kopieren, dagegen wird die Besinnung auf die Momente des Schaffensprozesses, die Entdeckung gewisser Gesetzmäßigkeiten desselben, die eingehendste Erwägung des richtigen Gebrauchs der Mittel auch heute dieselbe Rolle zu spielen haben wie einst das gepriesene Handwerk, in dessen Bereich – unserer Zeit entsprechend – gewisse subtile psychologische Elemente hereinzuziehen sind.

In meinem Vorstellungs- und Empfindungsleben spielt die Unterscheidung von Bewusstsein und Unbewusstem kaum eine Rolle. Gegen die Annahme eines kausierenden Unbewussten habe ich eine instinktive Abneigung. Von meinem philosophischen Lehrer (Rudolf Steiner) habe ich die Anschauung übernommen, dass in der Zukunft überhaupt die Kausalitätsvorstellung in den höheren Bezirken des Vorstellens abzulösen ist durch das Begriffspaar Wesen und Erscheinung. Der Philosoph arbeitet an der Objektivierung des Wesens, der Maler bringt das Wesen zur Erscheinung.