Den folgenden Text schrieb Karl Ballmer im Jahre 1953 mit vier weiteren Aufsätzen für die sozialdemokratisch orientierte Tageszeitung „Berner Tagwacht“; eine Veröffentlichung unterblieb jedoch, wie Ballmer meinte, aus Gründen des Wahlkampfes. Hans Gessner hat die Artikel als „Fünf Aufsätze, die soziale Frage betreffend“ im Verlag Fornasella herausgebracht.

Der Kapitalist als Schuldner

Es scheint mir eine Apologie des Kapitalisten fällig zu sein. Apologie heißt Rechtfertigung. Wenn eine Kirche ihre Glaubensdogmen verteidigt, so treibt sie Apologetik. Dabei werden auf der kirchlichen Ebene Dinge bewiesen, von denen man kein Wissen hat, die bloß für den Glauben gegeben sind. Die Einsichten in die Gesetze des sozialen Fortschritts dagegen sind keine Glaubens- und Kirchenartikel. Weil sie aus der Intelligenz entspringen, sind sie auch fähig, durch Intelligenz gerechtfertigt zu werden.

Wer soll nun die hier in Aussicht genommene Rechtfertigung des Kapitalisten besorgen? Es ist ganz unwahrscheinlich, dass Bankherren und ähnliche Leute die Neigung und Befähigung haben könnten, den Kapitalisten unter dem Gesichtspunkt der Intelligenz zu sehen; diese Leute haben sich so sehr daran gewöhnt, das Kapital unter dem Gesichtspunkte des Besitzes zu sehen, dass sie kaum geneigt sein werden, die Altersschönheit ihrer Gesinnung zu überprüfen oder gar zu revidieren. Wenn aber die sogenannten Kapitalisten die gemeinte Apologie nicht zu liefern vermögen, dann ist es denkbar (so unwahrscheinlich das zunächst erscheinen kann), dass die sogenannten Antikapitalisten die Aufgabe ergreifen, die von den Bank- und Finanzherrschaften nicht gesehen und nicht begriffen wird, weil diese Herrschaften aus dem Kapital eine Besitzfrage anstatt einer Intelligenzfrage gemacht haben.

Der erste Kapitalist war weder ein Bösewicht noch ein Tugendbold. Er war einfach intelligent. Ich bin dem Ersten Kapitalisten bei einem zu Unrecht wenig gewürdigten neueren Nationalökonomen begegnet, der das folgende Porträt der umstrittenen Figur zeichnete:

„Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel. Nehmen wir einmal an, in einer Gegend hätte eine Anzahl von Menschen eine bestimmte Tätigkeit verrichtet, indem eine Anzahl von Menschen einen Gang verrichtet hätten von ihren Häusern, also sagen wir von verschiedenen Ortschaften zu einer gemeinsamen Arbeitsstätte, zu einer Förderungsstätte von irgendwelchen Naturprodukten. Nehmen wir an, wir wären noch in einer primitiven Zeit, es gäbe noch kein anderes Mittel, als dass die Arbeiter, um zu der Stätte zu kommen, wo sie die Natur bearbeiten, zu Fuß gehen. Nun kommt einer darauf, einen Wagen zu bauen und Pferde zu benützen, um den Wagen zu ziehen. Da wird dasjenige, was zuerst allein verrichtet werden musste von jedem, das wird nun verrichtet im Zusammenhang mit demjenigen, der den Wagen stellt. Es wird eine Arbeit geteilt. Es spielt sich dann die Sache so ab, dass ein jeglicher, der den Wagen benutzt, nun an den Wagenunternehmer eine bestimmte Quote zu bezahlen hat. Damit ist derjenige, der den Wagen erfunden hat, in die Kategorie des Kapitalisten eingetaucht. Der Wagen ist für den betreffenden Menschen jetzt richtiges Kapital. Sie werden, wo Sie suchen wollen, immer sehen, dass gewissermaßen der Entstehungsprozess des Kapitals immer in der Arbeitsteilung, Arbeitsgliederung liegt. Aber wodurch ist der Wagen erfunden worden. Er ist eben durch den Geist erfunden worden…“

Quelle: Rudolf Steiner, Nationalökonomischer Kurs (GA 340), Vortrag vom 24. Juli 1922.

Wenn also ein intelligenter Mann auf die Idee kam, einen Wagen zu verwenden, so entstand echtes Kapital, nämlich Kapital als Produktionsmittel. Der Wagenerfinder fasste sich und die zur Arbeit marschierenden Arbeiter als eine Gesamtheit zusammen, und dann konnte zwischen dem Wagenunternehmer und den Arbeitern eine Teilung der zur Ortsveränderung nötigen Anstrengungen eintreten. Entstehung von Kapital und Arbeitsteilung gehören zusammen. Kapital, so kann man kurz und bündig sagen, ist wesentlich Intelligenz. Doch geht aus dem Bilde des „Ersten Kapitalisten“ hervor, dass es sich um ozialesoziale, um volkswirtschaftliche Intelligenz handelt. Es gibt sozialen „Geist“, – man muss das ausdrücklich betonen, denn in unserem Zeitalter des Existenzialismus und Nihilismus ist die Meinung vorherrschend, die Intelligenz sei weniger eine Eigenschaft der Welt als das private Vorrecht hyperkluger Literaten, die ihre Eitelkeit zum Mittelpunkt der Welt machen und im tatsächlichen Leben nur gesetzlosen Zufall und Sinnlosigkeit zu sehen vermögen. Bei dem Begriffe „Intelligenz“ wäre an den Philosophen Hegel zu denken, der bekanntlich den ebenso machtvollen wie unentbehrlichen Hintergrund bei der Entstehung des modernen Sozialismus bildete. Es ist Hegel nicht eingefallen, an einen „Geist“ zu glauben, der nicht menschlicher Geist wäre. Aber Hegel war kühn genug um zu wissen, dass der Geist, den er als die Gedanken in seinem Kopfe beobachtete, der gleiche Geist ist, der auch den Vorgängen der Natur und Geschichte zugrunde liegt. Die Welt als solche ist für Hegel intelligent, und ihre Intelligenz ist es, die sich im sozialen Zusammenwirken der Menschen manifestieren will.

Man möchte also sagen: In dem angeführten Beispiel des Ersten Kapitalisten ist der Wagenerfinder und Wagenunternehmer der Stellvertreter für welthafte Intelligenz. Er ist zum Kapitalbenützer und kapitalistischen Unternehmer geworden, weil er eine sinnvolle soziale Möglichkeit verwirklichte: die Teilung einer bestimmten Arbeit. – Als Unternehmer bezieht er von den Mitfahrenden eine „Quote“. Dieser Erwerb ist jedoch nicht die Hauptsache, auf die es ankommt; dieser Erwerb ist nicht mehr als ein beiläufiger Nebeneffekt an dem Vorgange der Kapitalentstehung durch Arbeitsteilung. Nicht als bloß Erwerbender ist der erste Kapitalist bemerkenswert, sondern er ist deswegen interessant, weil er durch seinen sozialen „Geist“ die Notwendigkeit der Arbeits-Gliederung im Zusammenschaffen der Menschen zur Offenbarung kommt. Es geht hier um eine wichtige Entscheidung: Versteht man unter einem Kapitalisten vorzüglich oder gar ausschließlich einen Erwerbenden (der er ja nebenbei auch ist und sein muss), so wird man den Gehalt des Bildes des „Ersten Kapitalisten“ nicht erfassen. Denn es kommt in dem Beispiel darauf an, von dem Akte der Erfindung des Wagenbetriebes zu wissen, dass er als elthaftewelthafte Intelligenz auftritt. Solche welthaft-volkswirtschaftliche Intelligenz schwebt nicht als „Geist“ in der blauen Luft (so wenig wie die Intelligenz der „Naturgesetze“), sie muss sich durch einen befähigten Einzelnen manifestieren. Die nihilistische Erkenntnisgesinnung unserer Zeit glaubt nicht an die Möglichkeit von Sozialerkenntnissen, die ebenso sicher sind wie die von der Naturforschung gewonnenen Naturgesetze. Echte Sozialgesetze hätten allerdings das Unbequeme, dass sie nicht an der privaten Schlaumeierei der Geldmacher abgelesen werden können, sondern an den Manifestationen der welthaften Intelligenz gewonnen werden müssen. Man wird als ein Grundgesetz der Sozialerkenntnis einsehen lernen, dass der Wagenunternehmer nicht in erster Linie Erwerbender, sondern Repräsentant der welthaften Intelligenz ist. Vorerst dominiert leider in den Wirtschaftsdoktrinen aller Schattierungen die Ansicht, das wirtschaftliche Tun eines Unternehmers sei prinzipiell und ausschließlich Erwerb (weil man sich gewöhnt hat, den Sinn von „Kapitalismus“ einzig in der Kapitalvermehrung zu sehen). Es gibt sogar eine westliche „Kultur“, in der das make money die fehlende tiefere Weltanschauung vertritt. Bei uns zulande wird der Gedanke, das Geldmachen brauche durchaus nicht das einzige Schaffensmotiv des Unternehmers zu sein, mitleidig belächelt, – denn man meint gute Gründe zu haben, um an das Vorhandensein eines gehaltvolleren Unternehmertyps nicht zu glauben – es langt bestenfalls zu tantenhafter Schwärmerei für „moralische Aufrüstung“, als ob schöne Moral ein Ersatz sein könnte für fehlende welthaft-intelligente Einsicht, und als ob die sozialen Fragen durch private moralische Selbstbefriedigungsakte bewältigt werden könnten!

Wer als Wagenerfinder etwas volkswirtschaftlich Intelligentes schafft, ist als Schaffender der Schuldner der Welt-Intelligenz, denn seine persönliche Intelligenz vermöchte nichts, wenn nicht schon welthafte Intelligenz in der Wirklichkeit steckte (Hegel!). Um als Unternehmer produktiv und das heißt intelligent zu sein, ist man nicht „Besitzer“, sondern man ist Schuldner des „Weltgeistes“. Die Weltvernunft (im Sinne Hegels) kreditiert den schaffenden Menschen als den Mitarbeitern am Sinn des Weltprozesses die Intelligenz als Kapital. Der große Gedanke Hegels, dass es in der Weltgeschichte „vernünftig“ zugehe, bleibt wahr, sofern man nur unter „Vernunft“ und „Geist“ etwas Gehaltvolleres versteht als das platte Literatengeschwätz dekadenter Zeitalter. Was ein einzelner Unternehmer leistet, das hat seinen Sinn davon her, dass der Einzelne der Schuldner eines sinnvollen Ganzen ist.

Ein verheerendes Missverständnis würde die Ansicht sein, die Erfindung des Wagens (in unserem Beispieldes ersten Kapitalisten) begründe das Eigentum am Wagen-Kapital. Nein, der Erste Kapitalist entspricht gerade nicht dem vom römischen Papst aufgestellten Muster, nach welchem der Kapitalist einzig als „privater Eigentümer“ des Kapitals interessant sein soll. Zwar wird der Erfinder des Wagenunternehmens auf einer primitiven Gesellschaftsstufe wahrscheinlich zugleich der Eigentümer des Kapitals sein. Doch könnte er sich den Wagen und die benötigten Pferde auch bei Bekannten, die in seinen Plan Vertrauen haben, ausleihen. Die Verleiher bekämen eine „Quote“, der Wagenunternehmer wäre nicht im päpstlichen Sinne „Eigentümer“, sondern Benützer und Verwalter des Kapitals, und sein Vorrecht, kraft Intelligenz frei über Kapital verfügen zu können, wäre auf ein Schuldverhältnis gegenüber den Eigentümern des Wagens und der Pferde gegründet. – Ist es denn nicht längst an der Zeit, unter Intelligenz und Kapital grundsätzlich nicht „Eigentum“, sondern Schuld zu verstehen? Aus dem primitiven Wagen-Kapitalismus des Ersten Kapitalisten hat sich die moderne Kreditwirtschaft entwickelt, die den Kapitalbesitz, mit dem der leitende Unternehmer einer Aktiengesellschaft arbeitet, eindeutig als Schuld zeigt. Eine AG arbeitet bekanntlich mit geliehenem Geld, und nur grober Unverstand könnte unterstellen, Tante Babette und Onkel Fritz seien als Aktienbesitzer zugleich befähigt, bei den Aufgaben und Zielen des Unternehmens sachkundig mitzureden. Geld-Besitz (der Aktionäre) und freies schöpferisches Verfügen über Geld-Kapital (durch den Leiter eines Unternehmens) sind offensichtlich zwei ganz verschiedene Anliegen der sozialen Intelligenz. Warum eigentlich hat noch immer das „Eigentum“ an den Produktionsmitteln als die Bedingung des produktiven Wirtschaftens zu gelten. Warum muss Kapital noch immer „Eigentum“ sein? Warum nicht Schuld? Wie volksaufklärend könnte es doch sein, wenn die Gerechtigkeit Fordernden nicht gegen „kapitalistisch“ Besitzende, sondern gegen die Schuldner der Intelligenz zu agitieren hätten!

Kapital kann noch immer nicht Schuld sein, muss noch immer „Eigentum“ sein, – denn wir edlen Europäer sind noch immer römisch behindert. Deutsche Philosophie hat den Gedanken der schaffenden Teilhabe am Weltgeist ausgebildet. Gegen dieses Hegeltum erhebt sich Rom. Die römische Religion betrachtet ihre Kirche nicht als Schuld, sondern als Besitz. Darum hat auch der Unternehmer nicht Schuldner, sondern „Besitzender“ zu sein. Man ist unfähig, im „Kapitalisten“ ein Intelligenzproblem zu sehen, man macht in abgestandener Moral: die Reichen sollen gegenüber den Armen Werke des Erbarmens verzapfen (so der Mailänder Erzbischof Kardinal Schuster in einem jüngsten Hirtenbrief). Es gibt bei uns sich aufgeklärt Dünkende, die nicht einmal merken, dass sie bloß römisch angefärbt sind. Diese Aufgeklärten verabscheuen das kommunistische Manifest, – warum verabscheuen sie nicht die Enzykliken der „sozialen Päpste“? In „Quadrogesimo Anno“, der maßgeblichen Kundgabe der päpstlichen Soziallehren, stipuliert die oberste Arroganz der römischen Sozialphilosophie:

Wenn ein nichtsnutziger Lümmel und Sohn eines Fabrikbesitzers das Unternehmen seines Papas geerbt hat, so bewirken weder seine Unfähigkeit, noch Missbrauch, noch Nichtgebrauch des geerbten „Privateigentums“ die Verwirkung des Besitz-Rechtes, der nichtsnutzige Erbe darf im Namen der Regierung seiner Religion soviel Unfug stiften, als ihm beliebt.

Gerade an diesem Juwel römischer Sozialphilosophie sollte sich die sehr zeitgemäße Einsicht entzünden, dass das bequeme Schlagwort vom „Privateigentum an den Produktionsmitteln“ dumm geworden ist, und dass aus der in Wirklichkeit längst bestehenden Schuld-Wirtschaft (Kreditwirtschaft) die Aufgabe abgelesen werden muss, den juristischen Besitz von Kapital und die Benützung von Kapital durch Befähigte als zwei ganz verschiedene Angelegenheiten zu behandeln.

Im Nachlass sind außerdem eine erheblich ausführlichere Variante des Textes enthalten („Eine Konzeption des Kapitalismus“, 1946) sowie eine Vorvariante des oben wiedergebenen Textes, die wie folgt beginnt:

Apologie des Kapitalisten

Es ist eine Rehabilitierung der Idee des Kapitalisten fällig. Wer soll sie liefern? Die Unternehmer fühlen sich bei ihrem einträglichen Berufe nicht als die Repräsentanten einer Idee, selbst dann nicht, wenn sie von Caux her das Geldverdienen als moralisch Aufgerüstete betreiben. Es wurde gesagt, der Osten habe eine Idee, der Westen habe keine Idee (Niemöller). Wahr ist, dass der Westen nicht mit der gleichen Kraft und Begeisterung für die Idee des Kapitalisten eintritt, wie der Osten für den Antikapitalismus. Etwa in Westdeutschland ist es nicht opportun, dem Sozialismus die Gegenidee des Kapitalismus mannhaft entgegenzuhalten; die Gegner des Sozialismus greifen zum Mittel der Täuschung, einschließlich der Selbsttäuschung: „Soziale Marktwirtschaft“ klingt besser als „Profitkapitalismus“, obschon sich der Inhalt beider Begriffe deckt.

Wer soll also die hier in Aussicht genommene Rechtfertigung des Kapitalisten besorgen? Es ist ganz unwahrscheinlich, dass Bankherren und ähnliche Leute die Neigung und Befähigung haben könnten, den Kapitalisten unter dem Gesichtspunkte der Intelligenz zu sehen; diese Leute haben sich so sehr daran gewöhnt, das Kapital unter Gesichtspunkte des Besitzes zu sehen, dass sie nicht geneigt sein werden, die Altersschönheit ihrer Gesinnung zu überprüfen oder gar zu revidieren. Von den Sozialisten ist die gemeinte Apologie ebenfalls nicht zu erwarten, denn sie halten nichts vom „Geist“, trotzdem sie als Marxisten halbwegs von Hegel herkommen, der in allen Weltvorgängen die Manifestation von „Vernunft“ sah. Wenn also die geforderte Rechtfertigung weder von den Bankherren noch von den Sozialisten erwartet werden kann, weil beide aus dem Kapital eine Besitzfrage anstatt einer Intelligenzfrage gemacht haben, so muss die Apologie als Aufgabe dem Anthroposophen zufallen.

Der erste Kapitalist war weder ein Bösewicht noch ein Tugendbold; er war einfach intelligent. Ich bin dem Ersten Kapitalisten bei Rudolf Steiner begegnet, der im „Nationalökonomischen Kurs“ das folgende Porträt der umstrittenen Figur zeichnete:

Es folgt das Steiner-Zitat wie oben; danach hat Ballmer diesen Entwurf nicht weitergeführt.