Der Ausschnitt entstammt einem Brief Ballmers vom 16. März 1927 an seine Jugendfreundin Hedwig Kleiner.

Aus einem Brief an Hedwig Kleiner

Du fragst was ich male. – Eben bin ich dabei, ein paar Bilder zurechtzumachen für die Ausstellung, die über Ostern in Dornach veranstaltet wird. Vielleicht liegt es nicht ganz außer dem Bereich des Möglichen, dass Du Dir die unmittelbare Antwort durch Anschauung selbst gibst. Warum sollte Dich nicht ein Osterspaziergang nach Dornach bringen. Es lässt sich ja über Künstlerisches sowieso nichts Rechtes ausmachen, wenn man nicht die Anschauung zugrunde legen kann. Sollte ich allgemein etwas sagen über meine künstlerischen Intentionen, so wäre es etwa dieses: dass ich mir – und meinetwegen Anderen – beim Bildermalen klar zu werden suche, dass die Welt, geistig angesehen, ganz anders aussieht als für den Photographenapparat; also im Grunde genommen nichts anderes als was mich auch veranlasst zu schreiben. Mit Rührung denke ich heute an die Neujahrsgratulationen, die ich Dir seinerzeit verehrte. Als künstlerisch würde ich diese heute allerdings nicht mehr gelten lassen. Es waren ganz ausgedachte Legenden – und was für welche – die da der Darstellung zugrunde gelegt werden, also in sinnliche Erscheinung umgesetzte Vorstellungen. Ich lernte im Lauf der Jahre den künstlerischen Produktionsprozess etwas anders auffassen. Vom Maler müsste ich heute sagen, dass er die Welt darstellt in dem Stadium, wo sie noch nicht Gedanke, noch nicht Vorstellung geworden ist. Also z.B. wenn der Maler ein Portrait malt, wird er just das malen, was der Photographenapparat oder was der bloß optische Augenvorgang (als Lieferant von Vorstellungen) nicht geben kann. – Außerdem: so wie ich nichts schreiben möchte, was sich nicht vor dem schärfsten kritischen Intellekt rechtfertigen lässt, so möchte ich auch nichts malen, was nicht dem geschulten ästhetischen Geschmack als unmittelbar schön erscheint. „Schön“ kann eine Darstellung sein, ob sie nun aus der Eiszeit oder von Negern oder aber von modernen Kulturmenschen stammt. Als unmittelbar schön in ganz direktem Sinne gilt mir z.B. im Aarauer Museum die Böcklinsche Muse des Anakreon. Du würdest wahrscheinlich lächeln, wenn Du meine Sachen sähest, die nun auch „schön“ sein wollen, denn Böcklinisch sehen die nicht gerade aus. (Wenn Du nach Basel-Dornach kommen solltest, vergiss nicht die Basler Böcklin-Sammlung anzusehen!) In Paranthese bemerke ich, dass meine Sachen ganz und gar nicht „anthroposophisch“ sind. Ich werde vermutlich überall mehr Gegenliebe finden für meine Bilder als bei Durchschnittsanthroposophen. Das ist aber nicht schlimm. Die Anthroposophen entgehen ja nicht immer ganz leicht der Gefahr, fertige Regeln haben zu wollen für Dinge, die nur ganz aus einer Individualität verstanden werden können. Ein Künstler ist schließlich eine Welt für sich, die nur ganz aus sich selber heraus erbaut werden kann. Der Kunstkritiker, sagt Dr. Steiner irgendwo, habe nicht Regeln aufzustellen darüber was schön sei, sondern habe zum Ausdrucke zu bringen, was er erlebt vor einem Kunstwerke. – Ich möchte hier eine hübsche Anekdote erzählen: In Dornach 1920 hatte ich eine Zeitlang auch Kinder zu unterrichten, unter anderem zwei ungewöhnlich begabte Engländerinnen (aber auf Deutsch N.B.). Es wurde da auch viel gezeichnet, und es entstanden sehr originelle Sachen. Dr. Steiner nahm dann die Zeichnungsblätter, eine ganze Mappe voll, persönlich mit sich nach Stuttgart, um sie den Lehrern an der dortigen Freien Waldorfschule zu demonstrieren. Die Waldorflehrer hatten nun selber von Dr. Steiner Anregungen bekommen für den Zeichenunterricht. Die von Dr. Steiner mitgebrachten Sachen schienen nun ganz und gar nicht nach denselben Regeln gemacht; es gab also ein fragendes Erstaunen. Der Tapferste riskierte es schließlich, diesen Tatbestand festzustellen und um Aufklärung zu bitten. Darauf soll Dr. Steiner ziemlich kurz und heiter erklärt haben: „So macht's eben der B.“ – Woraus jedenfalls hervorgeht, dass man als „Anhänger“ St.s nicht Gefahr lief, in seiner Freiheit beeinträchtigt zu werden.