Am 27. Februar 1954 hatte der mit Ballmer befreundete Publizist Erich Brock in der Züricher Wochenzeitung „Die Tat“ einen Vortrag referiert, den der Marburger Theologe Rudolf Bultmann an der Züricher Universität über „Wissenschaft und Existenz“ gehalten hatte. Abschließend heißt es: „Die Denksauberkeit, bescheidene Sachlichkeit und menschliche Erfülltheit des Vortrages fand den lebhaftesten Beifall der zahlreichen Hörerschaft und hob sich aufs günstigste von bestimmten seichten Scharlatanerien ab, mit denen unlängst vorher eine noch zahlreichere Hörerschaft zum Teil bezaubert, zum Teil aber auch herb enttäuscht worden war.“ Bislang konnte nicht festgestellt werden, auf wen sich diese Bemerkung bezog.

Brief an Erich Brock

LAMONE, 27.2.54.

Sehr geehrter Herr Dr. Brock!

Ich nahm die „seichten Charlatanerien“ als freundliche Gebärde des heutigen 27. Februar, der nun einmal bei mir rot angestrichen ist.

Das von Ihnen gesehene Bild der Person Bultmanns (Denksauberkeit, bescheidene Sachlichkeit und menschliche Erfülltheit) stimmt gut überein mit dem von K. Barth gezeichneten Bultmann (Im Ev. Verlag Zollikon, 1952: K.B. „Rudolf Bultmann, Ein Versuch, ihn zu verstehen“) – die Schrift Barths ist ein hervorragendes Dokument, wenn sie einfach als „Literatur“ genommen wird. Barth wird von Bultmann arg bedrängt. Es besteht für mich kein Zweifel, dass Bultmann das Christentum – wenn ich darunter die Definition verstehe, die in jedem beliebigen Lexikon nachgelesen werden kann – nicht weniger preisgibt und aufhebt als im 19. Jahrhundert D. Fr. Strauss. Auch im 20. Jahrhundert wird nicht Barth, sondern Bultmann die „Jugend“ ansprechen. Aber bei Barth geht es immerhin um die Wurst, und bei Bultmann nur um ihren Duft. Ich habe nicht für Barth zu optieren, bin dagegen der Ansicht, dass das Christentum und seine Kontinuität restituiert werden kann: durch seinen absoluten Neuanfang jetzt und hier. –

„Für die Theologie gibt es kein objektivierendes Reden über Gott. Er ist kein Objekt im Weltzusammenhang.“

Nun schön! und dann also los! – mitten ins 20. Jahrhundert hinein. Man muss eben schon „terrible simplificateur“ sein, um der existenzialistischen Bultmann-Lyrik einen Inhalt zu besorgen. Unter der Voraussetzung, dass das von Platon herkommende Universalienproblem seine Endlösung fand, wenn die Idee oder Gattung oder Universale oder „Gott“ ein physisches Konkretum (der Gott MENSCHENKÖRPER!) ist, das ich – um einen Namen zu haben – als Franz Kunz bezeichnen will, simple ich:

Ich bin nicht „ein Mensch“ (wie man im Abendland allgemein unter dem Vorurteil von Philosophie annimmt), sondern ich bin ein Franz Kunz. Um zu „sein“, bin ich als Ich ein – Anderer, wobei der Andere, als das Welt-Objekt, in die absolute Transzendenz fällt. Mit meinen Sinnen werde ich den Andern, obschon er ein physischer Einzelmensch ist wie ich, niemals sehen oder hören. Was scheinbar „meine“ Sinnestätigkeit ist, ist in Wahrheit der Aktus des Franz Kunz, der menschlichen GATTUNG, der in jedem Augenblick die mir erscheinende Welt (und damit mich) erzeugt.

Nun kann ich zustimmend und beruhigt die Bultmann-Offenbarung noch einmal lesen:

„Für die Theologie gibt es kein objektivierendes Reden über Gott. Er ist kein Objekt im Weltzusammenhang.“

Mit freundlichen Grüßen

Karl Ballmer