Der Philosoph Erich Brock hatte am 12. August 1956 in seinem Artikel „Wer regiert Bienenstock und Ameisenhaufen?“ (in der Wochenzeitung „Die Tat“) im Hinblick auf höchstorganisierte Gesellschaften im Tierreich die Frage gestellt: „Wer plant, beschließt und organisiert alle diese höchst wohlbedachten und wirksamen Aktionen?“ Am Ende des Artikels lässt er die Frage offen: „Diese ungeheure Organisationsarbeit muss irgendwo geleistet werden; ein Nervensystem ist aber weder als zentrales noch als sich durch die Breite des Organismus erstreckendes vorhanden. Glücklich sind die Materialisten, welche dies alles durch Druck, Stoß und Reiz erklären können. Wir andern stehen da vor unlösbaren Rätseln.“

Ballmer dagegen sieht – wie z.B. auch in seinen Texten zur „Synchronizität“ – keinen Anlass, Erscheinungen von „Intelligenz“, die nicht an ein Gehirn gebunden ist, als sensationell zu empfinden.

Der Brief ist enthalten im Nachlass-Faszikel Nr. 033a. Zum Thema der „motorischen Nerven“ siehe auch Ballmers „Briefwechsel über die motorischen Nerven“ (Verlag Fornasella, 1953).

Brief an Erich Brock

Lamone, 14. August 1956

Sehr geehrter Herr Dr. Brock!

„Wer regiert – – – – “ (TAT, 12. August 1956, Nr.220)

Der Vergleich des Baumes – nicht etwa mit dem einzelnen Ameisentier, sondern mit der Regierung des Ameisenstaates ist erhellend. –

Das Baumgeschehen ist überlegendes, zielendes, gestaltendes „Denken“. Alles Naturgeschehen ist solches „Denken“. Auch das Geschehen des Menschenkörpers. Insbesondere beruht die Motilität des Menschenkörpers auf dem „Denken“ der „Natur“. Wenn nun die große Natur Ein Mensch wäre, dann könnte es sinnvoll sein, zu sagen, dass dieser Mensch-Gott sich bewegt.

Der Gedanke meines Lebens: „Ich bewege mich“ ist Unsinn. Mein Körper ist im gleichen Sinne Gegenstand der Außenwelt wie der Baum oder der Tisch. Mein Körper verschafft mir Erlebnisse. Mein Körper geht durch die Tür ins Zimmer und verschafft mir die Täuschung, ich sei der Aktor des Körpergeschehens. Während das Körpergeschehen der Menschenleute in Wirklichkeit Naturgeschehen ist, macht der Humanismus die Annahme, die einzelnen Menschen seien nicht Naturvorgänge, sondern Selbstgescheher. Bei dieser Intelligenzsünde des Humanismus hat die Reparatur einzusetzen.

Das „Denken“ meines (sich bewegenden) Körpers ist der Gott, der die Welt lenkt. Der Gott in der Gestalt meines Körpers besorgt mir in jeder Minute mein Schicksal. Aus der „Natur“ Goethes hat sich der „Herr des Karma“ erhoben. Mein Tun hängt ab von den Bewegungen (von dem „Denken“) des Körpers, den ich den meinen nenne, obschon ich ihn besser meinen Schöpfer nennen würde, weil er mich doch in jeder Sekunde ins Dasein setzt.

Der Baum ist ohne Nervensystem, ebenso die regierende Wesenheit des Ameisenstaates. Die Koordinierung von Zentralnervensystem und Denken durch den modernen Humanismus hat die Differenz zwischen dem intelligenten „Denken“ des Baumes und dem sogenannten Denken der Menschenleute problematisch gemacht. Nun: die Menschenleute sind keine Selbstgescheher; geschehend ist die Natur. Die Willensimpulse der Menschenleute (bei der Körperbewegung) fallen nicht in die Vorstellungen der Menschenleute. Oder mit schonender Zurückhaltung gesagt: Es gibt keine „motorischen“ Nerven.

Mit freundlichen Grüßen

Karl Ballmer