Karl Ballmer:

Briefwechsel über die motorischen Nerven

Cover: Ballmer, Briefwechsel über die motorischen Nerven

Verlag Fornasella, Besazio (Schweiz), 1953
138 Seiten

Diese Originalausgabe ist nicht bei uns erhältlich!

Siehe aber unsere erweiterte Neuausgabe sowie das Buch von Peter Wyssling: Rudolf Steiners Kampf um die motorischen Nerven – Das Schicksal einer Weltanschauungsentscheidung in Karl Ballmer und Gerhard Kienle

Die physiologische Einteilung der menschlichen Nerven in „sensorische“ und „motorische“ wurde von Rudolf Steiner des öfteren scharf negiert: wie jeder Nerv diene auch der sogenannte motorische der Wahrnehmung, nicht etwa der Auslösung von Bewegung.

Mit dem Verständnis dieser von Steiner nur in Andeutungen erläuterten, aber stets anlässlich der Behandlung der anspruchsvollsten Weltanschauungsfragen auftretenden und mit Vehemenz vertretenen These taten und tun sich die Anthroposophen bis heute schwer. Jahrzehntelang wurde das Thema liegen gelassen, bis es 1950 und 1952 in den Anthroposophisch-Medizinischen Jahrbüchern aufgegriffen wird.

Die Unzulänglichkeit der dort vorgetragenen Lösungsversuche des hinterlassenen „Bewegungsrätsels“ wird dem aufmerksamen Leser sofort klar. Zu groß ist die Inkommensurabilität zwischen dem, was Steiner gemeint haben könnte, und all demjenigen, was im Universitätsbereich als Anthropologie, Psychologie und Physiologie auftritt. Halbherzige Umdeutungen haben doch wieder nur die altabendländischen Vorstellungen von „Seele“ als Befehle erteilender „Reiterin“ und „Körper“ als sich gehorsam bewegendem „Ross“ zum Ergebnis, gefährden aber in ihrer offenkundigen Widersprüchlichkeit das Ansehen Steiners. Eine als Manuskript vervielfältigte Abhandlung über „Die Grundfragen der Nervenphysiologie“ von Gerhard Kienle (nachmaliger Gründer der Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke) wird von Ballmer an einer entscheidenden Stelle als dermaßen unhaltbar beurteilt, dass er Hermann Poppelbaum als Mitglied der Leitung der Freien Hochschule am Goetheanum in zwei Briefen bittet, Kienle zu veranlassen, die Bezugnahme auf Steiner zu unterlassen, damit dieser nicht unnötig öffentlich blamiert wird.

Poppelbaum, der Ballmer von Hamburg her kennt, leitet Ballmers Briefe ohne Rücksprache an Kienle weiter. Dieser fühlt sich so verletzt, dass er brieflich sehr heftig reagiert und die folgenden 8 Briefe Ballmers an ihn (jeweils mit Durchschlag an Poppelbaum) unbeantwortet lässt. Den allerletzten, sehr langen Brief schickt Ballmer nicht ab.

Ballmer hat diese Briefe (geschrieben vom 17. Dezember 1952 bis zum 5. März 1953) 1953 im Verlag Fornasella, den sein Freund Hans Gessner eigens zu diesem Zweck gründete, unter oben genanntem Titel veröffentlicht. Obwohl Kienle die Veröffentlichung seines Briefes untersagt hatte und Ballmer auch den Poppelbaum-Brief nur referiert, legt er Wert darauf, dass es sich um einen Briefwechsel handelt.

Ballmers freimütige, unbefangene Art der Kritikäußerung war damals in der Szene noch unüblich und führte letztendlich dazu, dass man mich - nach bekannten Mustern - kaltblütig absticht. Dies umso mehr, als er nicht allein Kienle ins Visier genommen hatte, sondern auch Herbert Witzenmann und überhaupt die Kapriolen der philosophischen Gruppenseele im Spannungsfeld zwischen akademischer Wissenschaft und Anthroposophie. Witzenmanns anthroposophisch-„erkenntniswissenschaftliche“ Häkelarbeiten sind für Ballmer nur ein Beispiel dafür, wie einer den Plunder seines Universitäts-Schulsackes mit Anthroposophiebegeisterung verziert.

Seitens der sich betroffen Fühlenden wurde oft Ballmers „polemische“ Art kritisiert. In Wirklichkeit geht es Ballmer, nicht im Entferntesten an Querelen interessiert, um das erstmalige Ernstnehmen des „Bewegungsrätsels“. In einer tagebuchartigen Notiz schreibt er: Ich habe einfach zum Ablauf meines Schicksals „Ja“ zu sagen, auch wenn ich mich dabei unwohl befinde. – Mein individuelles Schicksal im Studium des Werkes und der Person Rudolf Steiners seit 1917 trug mir auf, anthroposophischen Medizinern zu offenbaren, dass sie nicht den Schimmer einer Ahnung davon haben, dass und wie die These Rudolf Steiners: „es gibt keine 'motorischen' Nerven“ der Angelpunkt seiner Gesamtweltanschauung ist. – Ich belehre Leute, die ich für Nullen halte, dass sie nicht auf Viktor von Weizsäcker hereinfallen durften.

Ballmer hat Recht behalten. Die empfangenen Briefe haben Gerhard Kienle denn auch sein Leben lang beschäftigt. Der posthume Abdruck seiner Abhandlung in Wolfgang Schad (Hrsg.), Die menschliche Nervenorganisation und die soziale Frage, Teil 2, Stuttgart 1992 (die von Ballmer gemeinte Stelle steht hier auf S. 186), geschieht seitens des Herausgebers ausdrücklich auf dessen eigene Verantwortung, mit dem auffällig deutlichen Hinweis darauf, Kienle „hätte die Arbeit nie publiziert, war er sich doch des unfertigen und unausgereiften Charakters dieses Schriftstücks vollauf bewusst. (…) Gerhard Kienle beabsichtigte noch 1981, selbst eine Arbeitsgruppe für die Neubearbeitung des Themas zu bilden, um erstmals eine kompetente Behandlung desselben zu erreichen…“

Wolfgang Schad nimmt auch im ersten Band des genannten Sammelbandes, in seinem eigenen Aufsatz „Das Nervensystem und die übersinnliche Organisation des Menschen“, nur verschämt auf Ballmer Bezug. Das Zitat (S. 305) spricht für sich:

„Karl Ballmer hat schon 1953 darauf hingewiesen, dass die anthroposophische Auflichtung des Doppelaspektes des Ich die sinnvolle Grundlage für die Lösung der physiologischen Problematik der sogenannten motorischen Nerven ist. Nur hatte er sein Anliegen in einer solchen Polemik vorgebracht, dass das Gesprächsfeld vergällt war. Der vorliegende Band hat deshalb das erklärte Ziel, nicht die endgültigen Lösungen bieten zu wollen, sondern das Gesprächsterrain zugänglich zu machen.“

Ballmer allerdings in seinem Briefwechsel (S. 70): Es liegt mir nichts ferner, als mit Erkenntniswissenschaftlern in eine „Diskussion“ einzutreten. Ich lege meine Ideen vor; man mag sie ansehen oder nicht ansehen. Bevor an eine Unterhaltung zu denken ist, muss Klarheit bestehen über den Gegenstand der Geisteswissenschaft. Ich habe, höflich gesagt, keine Zeit für Unterhaltungen, die außerhalb der Plattform stattfinden, auf der Rudolf Steiner als der Gegenstand der Geisteswissenschaft begriffen wird.

In einem Vortrag über „Anthroposophisch-medizinische Forschung und Öffentlichkeit“ spricht Kienle kurz vor seinem Tod resignierend über die auswegslose Situation des anthroposophischen Akademikers und zitiert Stellen, wo Steiner ungewöhnlich scharf gegen ungekonnte Versuche anthroposophisch-wissenschaftlicher Arbeit und gegen „das Hereintragen der Universitätsmethoden“ anging, durch die ihm „ins Gesicht geschlagen“ werde. Kienle schließt an:

„Inwieweit betreiben wir denn selbst Opposition gegen Rudolf Steiner? Diese Äußerungen Rudolf Steiners liegen jedem, der sich damit befasst, schwer auf der Seele. Es gibt noch viele Rätsel, die gelöst werden müssen. Es heißt doch, dass man sich prüfen muss, ob nicht alles, was man selbst gemacht hat, vom Grundsatz her falsch ist. Diese Seelenprüfung rüttelt an den Grundfesten unseres Selbstbewusstseins. Wie kann man das Infragestellen aller eigenen Leistungen ohne Resignation ertragen? Rudolf Steiner verlangt, dass man die Erkenntnislage der naturwissenschaftlichen Medizin durchschaut, die Irrtümer aufdeckt und neue Konzepte entwickelt. (…) Diese Leistungen zu erbringen, übersteigt den Rahmen unserer Persönlichkeit, man müsste ja Galilei, Paracelsus, Helmholtz und Virchow in einer Person sein! Aber genau dies – und noch mehr – erwartet Rudolf Steiner. Wer die Verhältnisse nüchtern anblickt, sieht sich in einer Zerreißprobe. Lebt man das aus, was man als die gewordene Persönlichkeit eben kann, dann gerät man in Opposition zu Rudolf Steiner, folgt man ihm, muss man über sich hinauswachsen – aber wie? Anthroposophisch-medizinische Forschung und das richtige Vertreten in der Öffentlichkeit gelingt uns doch wohl nur, soweit wir unter Aufbietung aller Anstrengungen die Grenzen unserer Persönlichkeit durchbrechen und den Verhältnissen etwas abringen, was eigentlich nicht geht.“

(Die Medizin im Lebenswerk Rudolf Steiners. Anthroposophisch-medizinische Forschung und Öffentlichkeit. Vortrag am 13.11.1982 vor dem Deutschen Mitarbeiterkreis der Anthroposophischen Gesellschaft. In: Peter Selg, Gerhard Kienle – Leben und Werk, Verlag am Goetheanum, Dornach 2003, Band 2, S.305-318. Eine Erweiterte Fassung ist auch abgedruckt in den Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland Nr. 143 (1983), S. 15-21, sowie in Der Merkurstab, Nr. 4 (2000), S. 217-220.)

In der soeben genannten Biographie (insbesondere Band 1, S. 114-163) erschließt sich von Kienle aus ein „komplementärer“ Hintergrund zu Ballmers Briefwechsel: Kienles Bemühungen um nervenphysiologische Fragestellungen, wie sie sich in der genannten Abhandlung kristallisieren, mit der Kienle jedoch weder in der Anthroposophenschaft noch außerhalb nennenswerte Resonanz fand. Zu diesem Resumée fügt Selg dann die folgende Anmerkung ein (S. 628), die wir ebenfalls für sich sprechen lassen:

Die einzige positive Rezension in den damaligen anthroposophischen Journalen – zugleich die einzige Rezension überhaupt – veröffentlichte Ende 1952 Kienles Freund Rolf Kohn in den „Beiträgen zu einer Erweiterung der Heilkunst“ (11/12 (1952) 281-283). Zur selben Zeit erreichte Kienle auch noch eine weitere Stellungnahme, die ihm indirekt über den Biologen Hermann Poppelbaum zuging, der damals Mitglied des Dornacher Vorstandes war und die Pädagogische Sektion leitete. Der Schweizer Anthroposoph Karl Ballmer hatte sich am 17.12.1952 erstmals schriftlich an Poppelbaum gewandt, und diesen dazu aufgefordert, gegen Kienles Manuskript vorzugehen, um zu verhindern, „dass R. ST. [Rudolf Steiner] unnötig vor der wissenschaftlichen Öffentlichkeit kompromittiert“ werde (Karl Ballmer: Briefwechsel über die motorischen Nerven. Besazio 1953, S. 5). Kienle habe zwar in seiner Arbeit auf das Werk Von Seelenrätseln von Rudolf Steiner hingewiesen, jedoch dessen Aussagen bezüglich des Nervenproblems in keiner Weise verstanden („Hat der Mann schon einmal seine Nase in das genannte Buch gesteckt, vielleicht auch nur in das Inhaltsverzeichnis mit den Kapitelüberschriften?“ ebd., S. 7), ja nicht einmal die Steinersche Problemstellung – „die den gesamten Universitätsplunder tief unter sich lässt“ (ebd.) – in ersten Ansätzen zur Kenntnis genommen. Weiter hieß es bei Ballmer: „Der Inhalt der Arbeit Kienles beweist denn auch, was herauskommen muss, wenn man den Unernst gegenüber R. ST. zur Arbeitsmaxime macht: die Arbeit ist sowohl vom akademischen wie vom anthroposophischen Gesichtspunkt aus ein indiskutabler Schmarren. (…) Es ist wirklich nicht damit getan, dass man so ein bisschen von Weizsäcker abschreibt und anthroposophische Fransen dranhängt.“ (ebd., S. 7f.) Poppelbaum leitete Ballmers Briefe daraufhin an Kienle weiter, was Ballmer unerfreut zur Kenntnis nahm („Wenn ein Vater den Klassenlehrer seines Sohnes brieflich um autoritäres Eingreifen bei diesem oder jenem Verhalten des Herrn Söhnchens ersucht, wird der Klassenlehrer in der Regel den Vaterbrief nicht dem Sohne im Originaltext vorlegen.“ Ebd., S. 11), um dann jedoch Kienle seinerseits neun Briefe in täglicher Folge (!) und wachsender Länge zuzusenden, stets mit Durchschlag nach Dornach. Offensichtlich zu Ballmers Erstaunen antwortete Gerhard Kienle lediglich einmalig und – so Ballmer – „ungemütlich“ („Sein Brief enthält keinerlei Bezugnahme auf wissenschaftliche Sachfragen und widmet sich ausschließlich dem Problem einer moralischen Diagnose und Therapie meiner Person.“ Ebd., S.25). Seine eigenen Briefe, deren interessante Inhaltlichkeit unter einem Wust von emotional-aggressiven Tiraden und Ausfällen und einer egozentrisch-selbstverliebten Rhetorik unterging, ließ Ballmer daraufhin noch im selben Jahr unter dem absurden Titel Briefwechsel über die motorischen Nerven in der Schweiz drucken.

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Der Briefwechsel, von Ballmer selbst als kleine Gelegenheitsschrift bezeichnet, darf von Seiten der Anthroposophen als herausragendes „Hauptwerk“ und bis heute gültige Orientierungshilfe gesehen werden. Wohl nirgendwo ist so klar, eindringlich und „bewegend“ das Anliegen der Anthroposophie als „Bewegung“, Ereignis, Impuls herausgearbeitet worden wie in dieser – ausgiebig am Wortlaut Steiners entlang arbeitenden – „inneranthroposophischen“ Schrift.

Hier die Quellennachweise der Steiner-Zitate des Buches.