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Ballmer, Karl

Maler, Schriftsteller.

*23.02.1891 Aarau (Schweiz), †06.09.1958 Lugano (Schweiz)

Der Biografie Karl Ballmers kann schwerlich mehr an äußeren Tatsachen abgerungen werden, als es die Notwendigkeiten seiner geistigen Existenz erfordern. Geboren am 23. Februar 1891 in Aarau (Schweiz). 1909–11 studierte er an der Kunstgewerbeschule Basel, danach an der Kunstakademie München. 1915 übte er beim Pressebüro des eidgenössischen Armeestabes in Bern verschiedene journalistische Tätigkeiten aus. Diesen Lebensabschnitt (1914–18) wird er später als „die schwerste andauernde Selbstvernichtungskrise, mit tödlichen Eingriffen und Attentaten auf die physisch-leibliche Existenz“ bezeichnen, ausgelöst durch „die Verzweiflung, der menschlichen Existenz, so wie ich sie damals empfinden musste, überhaupt einen tragenden Sinn abzugewinnen“ (Brief an Hedwid Kleiner vom 23. Februar 1927, unveröffentlicht).

Im Herbst 1918 persönliche Begegnung mit Rudolf Steiner: „Es ist buchstäblich wahr, dass ich Rudolf Steiner meine gegenwärtige Existenz verdanke, und es ist mein heiliger Wille, meine ganze Substanz an die Verantwortung für das Werk und Wirken Rudolf Steiners einzusetzen. Dies der Sinn meines Karma.“ (Brief an Marie Steiner vom 2. September 1932, zitiert nach Swassjan 1994, S. 21) 1918–20 verbrachte er in Dornach mit Mitarbeit am Bau des ersten Goetheanum; im Oktober 1920 hielt er auf Einladung Rudolf Steiners drei Vorträge über Kunst im Rahmen des ersten Hochschulkurses im Goetheanum. Dann übersiedelte er nach Deutschland (Heidenheim, München, Stuttgart, Berlin, zuletzt Hamburg), studierte die Werke Rudolf Steiners, wie auch autodidaktisch Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften: „Aus allem, was ich in Dornach erlebte, musste sich mir das allerintensivste Bedürfnis ergeben, durch die Erwerbung eines umfassenden Fundus an Wissen auf philosophischen und sonstigen wissenschaftlichen Gebieten mir die zureichenden Grundlagen zu verschaffen für eine absolut selbständige Beurteilung der von Dr. Steiner aufgerollten Erkenntnis- und Wissenschaftsprobleme.“ (Brief an Hedwid Kleiner vom 23. Februar 1927)

1928/29 war er Autor und Herausgeber der „Rudolf Steiner-Blätter“ (eines ursprünglich als „Ahrimans-Spiegel“ begonnenen Projekts mit dem Ziel, der Anthroposophie den „Anschluss an die Bildungshöhe der Zeit“ zu gewährleisten). Gleichzeitig war er als Kunstmaler tätig, u. a. als Maler Mitglied der Hamburger Sezession mit Ausstellungen in Hamburg, Lübeck, Bielefeld. 1936 erhielt er Berufsverbot als Maler durch die Reichskunstkammer. 1938 kehrte er in die Schweiz zurück; seit 1941 lebte er als „Kunstmaler und Privatgelehrter“ in Lamone (Tessin). Karl Ballmer starb am 7. September 1958 in Lugano.

Den Schlüssel zur Ballmer’schen Anthroposophie findet man in der These Rudolf Steiners (Einleitung zu Goethes „Sprüche in Prosa“), dass die Gedanken eines anderen nicht als solche, sondern als Verkünder seiner Individualität anzusehen seien. Von hier aus erschließt sich uns Steiners Werk in dem Ausmaß als authentisch, in dem wir es als Verkünder der Individualität seines Schöpfers aufzufassen vermögen. Ballmers Formel dafür ist: „Das Ereignis Rudolf Steiner“ – Anthroposophie als offenbarer Mensch, der sich des Inhaltes seines realisierten Ich als der geistigen Welt bewusst wird. Weil das Denken in der Evolutionslehre des Goetheanismus „das letzte Glied in der Reihenfolge der Prozesse, die die Natur bilden“ (R. Steiner), darstellt und erkenntnistheoretisch voraussetzungslos ist, spitzt sich die Frage zunächst darauf zu, es nicht nur theoretisch für möglich zu halten, sondern auch faktisch zu gewahren. Ein solches Denken findet Ballmer in der „Philosophie der Freiheit“, die er als „Analyse des Christus-Bewußtseins“ charakterisiert, allerdings ohne jedweden Bezug zum historischen Christentum, sondern ganz aus der Eigenverantwortlichkeit ihrer eigenen Intuitionen heraus, welch letztere sie mit Notwendigkeit an den Christusnamen anknüpfen will. „Das Ereignis Rudolf Steiner“ meint mithin das Können des Menschen Rudolf Steiner, sein in der „Philosophie der Freiheit“ erschlossenes intuitives Denken persönlich als moralische Fantasien zu handhaben, deren eine, frei als Karma gewollte und pädagogisch verwirklichte, unter dem technischen Ausdruck „Theosophie“ (Anthroposophie) zu seinem Lebenswerk werden sollte. Eine Rezeption der Anthroposophie als bloße Lehre, reduziert auf Tradition oder Theorie, wäre somit verfehlt und widersinnig. Ballmer: „Ich huldigte einem Wahn, wollte ich glauben, das Studium der Anthroposophie betreiben zu können ohne verantwortliches Darinnenstehen in dem ,Ereignis’.“ (Ballmer 1929, 1996, S. 68)

Dieses verantwortliche Darinnenstehen bezeichnet er als „Karma-Orientierung der Erkenntnistheorie“, indem er die schwierige Frage unseres Anthroposophisch-Werdens erörtert und beantwortet. Wir haben nach Ballmer nicht die geringsten Aussichten, Anthroposoph zu werden, solange wir uns vor Steiners Werk wie vor eine Theorie hinstellen, in der Absicht, diese nach Belieben „kreativ“ zu ergänzen, zu modernisieren oder gar weiterzuentwickeln, als wären wir bereits vollumfänglich „Mensch“, nach Maßgabe der Erkenntnis- und Handlungskriterien der „Philosophie der Freiheit“, und darin Rudolf Steiner ebenbürtig. Anthroposoph können wir aber erst dann werden, wenn wir das Erkenntnisproblem nicht mehr bloß theoretisch, sondern karmisch auffassen und die Erkenntnisleistung Rudolf Steiners, die an und für sich voraussetzungslos ist, als faktische Voraussetzung unseres Anthroposophisch-Werdens wissen. Anthroposophie als Ideenbewegung schlägt solchermaßen in eine Schicksalsbewegung um: Entstehe ich in meinem gegenwärtigen Dasein jeden Augenblick an dem, was von außen auf mich zukommt (Karma), so ist es entscheidend, ob unter dem, was da auf mich zukommt, auch anthroposophische Gedanken sind. Gehe ich an diesen nicht ahnungslos vorbei, dann habe ich die Gnade, an den Gedanken eines anderen, der die „Bestimmung des Menschen“ an sich selbst realisiert hat, als Ich und Mensch zu entstehen. Mit anderen Worten, ich empfange dann als Schüler der Anthroposophie von dem anthroposophischen Lehrer nicht Begriffe, sondern Mich-Selbst.

Bemerkenswerterweise wurde Ballmers 1941 erschienene Schrift „A. E. Biedermann heute!“, in der die angeführten Gedanken ihren prägnantesten Ausdruck fanden, gleich nach dem Erscheinen von Heinrich Leiste in Dornach schriftlich für „Anti-Anthroposophie“ erklärt, was die Verbannung der Auflage aus dem anthroposophischen Sortiment und das Totschweigen des Namens Karl Ballmer in offiziellen anthroposophischen Periodika zur Folge hatte.

Karen Swassjan

Werke: Das Ereignis Rudolf Steiner, 1928, Siegen ²1995; Die Überwindung des Theismus als Gegenwartsaufgabe, 1929, Siegen ²1996; Rudolf Steiner und die jüngste Philosophie, in: RSB 1929, Nr. 5; Ernst Haeckel und Rudolf Steiner, Hamburg 1929, Besazio ²1965; Das Goetheanum Rudolf Steiners, in: Bau-Rundschau, Hamburg 1930; Der Macher bin ich, den Schöpfer empfange ich, 1933, Besazio ³1978; Rembrandt oder die Tragödie des Lichtes, 1933, Besazio ²1977; A. E. Biedermann heute! Zur theologischen Aufrüstung, Bern 1941, Besazio ²1980; Ein Schweizerischer Staatsrechtler: Karl Barth, Melide 1941; Elf Briefe über Wiederverkörperung, Besazio 1953, ²1964; Briefwechsel über die motorischen Nerven, Besazio 1953; Editorin Marie Steiner, Besazio 1954; Die erste Mitteilung über soziale Dreigliederung, Besazio 1957, ²1966; Die Rolle der Persönlichkeit im Weltgeschehen, Besazio 1964; Deutschtum und Christentum in der Theosophie des Goetheanismus, Besazio 1966; Troxlers Auferstehung, Besazio 1966; Die Judenfrage, Besazio 1975; Die Zukunft des deutschen Idealismus, Besazio 1975; „Wissenschaft“, Besazio 1976; Erlösung der Tiere durch Eurythmie. Zu Rudolf Steiners „Eurythmie“, Besazio 1976; Die Aktie, Symbol der Schande, Besazio 1976; Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit als Analyse des Christusbewusstseins, Besazio 1979; Von der Natur zur Schöpfung. Thomismus und Goetheanismus, Besazio 1979; Anthroposophie und Christengemeinschaft, Besazio 1980; Abschied vom Leib-Seele-Problem, Siegen 1994, ²1997; Die moderne Physik, ein philosophischer Wert?, Siegen 1994; Synchronizität, Siegen 1995; Max Stirner und Rudolf Steiner. Vier Aufsätze, Siegen 1995; Deutsche Physik – von einem Schweizer, Siegen 1995; Umrisse einer Christologie der Geisteswissenschaft, Dornach 1999. Wesentliche Arbeiten Ballmers, insbesondere zur Zeitgeschichte, in: Swassjan, K.: Urphänomene, Bd. 96/1, Dornach 1996; ders.: Urphänomene, Bd. II, Dornach 1995; ders.: Urphänomene, Bd. VI, Dornach 1998.

Nachlass: Der schriftstellerische Nachlass befindet sich im Aargauer Staatsarchiv.

Literatur: Morgenstern, M.: Michael Bauer, München 1950, Stuttgart ²1965; Gessner, H.: Rudolf Steiner und Karl Ballmer, Besazio 1959; Gessner, H.: Karl Ballmer. Maler und Denker 1891–1958, Besazio 1971; Kannenberg-Rentschler, M. u. a.: „Wie sich Tante Lieschen die Wiederverkörperung vorstellt“, in: I3-Extra 1987, Nr. 3; Wismer, B.: Karl Ballmer – der Maler, Aargau 1990; Heinrich, R.: Nicht wir sind Beweger; Cuno, M.: Rudolf Steiner als Gegenstand der Geisteswissenschaft; Wyssling, P.: Karl Ballmer – Zentralgestalt oder Randfigur; Wismer, B.: Der Maler Karl Ballmer, in: I3 1993, Nr. 1; Swassjan, K.: Die Karl-Ballmer-Probe, Siegen 1994; Büttner, G.: Karl Ballmer – Samuel Beckett, in: G 1998, Nr. 13.

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