[Aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 11.02.2004, S. 34]

Waldorf, allerintensivst

Bodo von Plato gibt der Anthroposophie sechshundert Gesichter

11. Februar 2004

Zu Beginn des neuen Säkulums wird das vergangene in Lexika verstaut. Auch die Anthroposophen räumen auf. Dreihundertzehn Menschenweise ordnen ihren Heiligenhimmel in gut sechshundert biographischen Porträts großer Anthroposophen. Kein Lebensbericht, in dem nicht der heilige Rudolf Steiner angerufen wird. Schon im ersten Artikel über den Komponisten und Musikschriftsteller Walter Abendroth steht: "Den eigenen Lebensweg schildert er als eine Geschichte innerer Wandlungen ,von Rudolf Steiner zu Rudolf Steiner'".

Ob immer neue Metamorphosen der "Begegnung mit Steiner" nicht langweilig wurden? Für den Schweizer Maler und Schriftsteller Karl Ballmer ist es "buchstäblich wahr, daß ich Rudolf Steiner meine gegenwärtige Existenz verdanke, und es ist mein heiliger Wille, meine ganze Substanz an die Verantwortung für das Werk und Wirken Rudolf Steiners einzusetzen. Das ist der Sinn meines Karma." Auch Waldorfschullehrer, Heileurythmie-Ärzte oder Priester der "Christengemeinschaft" finden ihr wahres Selbst erst in der Geistesreise zum charismatischen Wanderprediger Steiner. Sie führen uns ins Dornacher Goetheanum, in Freie Hochschulen für Geisteswissenschaft oder nach Camphill bei Aberdeen, wo "Betreuer und Betreute" in religiös fundierter Wirtschafts- und Gütergemeinschaft "allumfassende Heilpädagogik und Sozialtherapie" erproben.

Im Wissen "wiederholter Erdenleben" feiern wir in Eurythmiekursen geistesorgiastischen "Ideenfrühling", nehmen an "Dreigliederungsaktivitäten" oder "Menschenweihehandlungen" teil, erweitern durch Studien zur "synthetischen Geometrie in geisteswissenschaftlicher Beleuchtung" unser "gegenräumliches Denken" und finden am Keimpunkt jedes Knospens den "absoluten Mittelpunkt" der Pflanzenwelt, auch wenn "das lemniskatenartige Zusammenwirken von Raum und Gegenraum" noch vertiefter Forschung bedarf.

Bodo von Plato, Leiter der "Forschungsstelle Kulturimpuls, Heidelberg", deutet die anthroposophische Bewegung als eine internationale Geistesbewegung, die der "Entwicklung des Menschen" durch Vervollkommnung seines "höheren Bewußtseins" diene. Steiners Missionserfolge hängen wohl mit seiner außerordentlichen religionskompositorischen Bastelfertigkeit zusammen; aus ganz unterschiedlichen religiösen Symbolwelten und Riten werden Versatzstücke ineinander montiert, um den "ganzen Menschen" mit höchster Geistbewußtheit heranbilden zu können. Im goetheanischen Weisheitslabor wird wirklich alles mit jedem zusammengerührt. Wesensschau läßt uns höhere Geisteswelten ahnen, die in der dreihundert Bände umfassenden Steiner-Gesamtausgabe näher vermessen werden. Es sind "spirituell suchende Menschen", die sich aufgrund "allerintensivster höherer Bedürfnisse" als Menschenweise vergesellschaften, um mitten im Diesseits schon die letzte Harmonie des All-Einen zu bezeugen. Sie leben aus der "Idee der Wiederverkörperung", pflegen sich mit "Weleda-Hautfunktionsöl" und kleiden sich mit "Naturtextilien aus biologisch-dynamisch angebauter Baumwolle in Indien". Ihren Unterhalt verdienen sie als Lebensberater, Graphologen, Astrologen, Alternativmediziner oder Wunderheiler. Gern vertiefen sie sich ins Naturschöne, lesen die Edda, beugen sich vor dem Astral-Christus, gründen seelenklimatische Sanatorien zur "Entwicklung der Bewußtseinsforschung" und bilden "therapeutische Gemeinschaften" zur Heilung von "Inkarnationsstörungen". In Steiners "Seelenkalender" finden sie die Daten, zu denen sie in eine geistigere Welt hinüberwandern; ein Steiner-Weiser stirbt nicht, sondern wird "in der Nacht zum Dreikönigstag in ein höheres Wächteramt berufen".

Doch schon im aktuellen Zwischenleben ist spirituelle Kommunikation mit illuminierten Geistern früherer Epochen möglich. Der Hamburger Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft Hans Börnsen, ein "weiser Rater", fand "durch zwei übersinnliche Erlebnisse" zur Weisheitsgemeinschaft. "Das erste traf ihn schon 1924 auf Schloß Lauenstein, wo er einer hölzernen Statue begegnete, durch die ihn ein mittelalterlicher Mönch ansprach. Er sei vor siebenhundert Jahren gestorben, aber der Tod sei nur eine Wandlung gewesen und sein unvergänglicher Geist hätte in geistigen Welten fortgelebt, die aber nicht in einem fernen Jenseits zu suchen seien, sondern hier auf der Erde um uns herum. Er sei auf dem Wege zu einer neuen Verkörperung und könne zu ihm durch dieses Kunstwerk sprechen. Denn diese seien ja die Pforten zu anderen Welten."

Die Pneuma-Lehre vom sprachmächtigen Holzschnitzwerk entspricht der "Karma-Orientierung unserer Erkenntnistheorie" in Steiners transzendentalspiritistischer Programmschrift "Wie erlangt man Erkenntnis der höheren Welten?" Durch "Raumbewegungskunst" werden die Grenzen der Vernunft transzendiert, und Träume der Geisterseherei wandeln sich zu "Wahrspruchworten" für Auserwählte, die im Jahrhundert der ideologischen Extreme ihrem Seelenführer folgten.

FRIEDRICH WILHELM GRAF

Bodo von Plato (Hrsg.): "Anthroposophie im 20. Jahrhundert". Ein Kulturimpuls in biografischen Porträts. Verlag am Goetheanum, Dornach 2003. 1166 S., Abb., geb., 69,- [Euro].

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2004, Nr. 35 / Seite 34