"Karl Ballmer 1891-1958 / Erwin Rehmann"

7. Mai bis 4. Juni 1960 im Aargauer Kunsthaus Aarau

Knapp zwei Jahre nach Ballmers Tod präsentierte das Aargauer Kunsthaus die erste umfassende Retrospektive von Karl Ballmer – zusammen mit Werken des 1921 in Laufenburg (Schweiz) geborenen Bildhauers Erwin Rehmann.

Zu dieser Ausstellung erschien ein knappes, ca. 30seitiges Katalogheft, das die ausgestellten Werke der beiden Künstler (Ballmer: 123 Bilder, 1 Holzplastik); Rehmann: 45 Plastiken) komplett verzeichnet, aber nur in geringer Auswahl abbildet.

Aus dem Vorwort: "Nachdem Hitler dem seit 1922 in Hamburg wirkenden Aarauer Maler im Jahre 1937 das Malen verboten hatte, lebte, malte, meditierte und schrieb Ballmer seit 1939 in aller Stille im Tessin. Das Bedürfnis sich in den Vordergrund zu drängen und jede Ausstellungsgelegenheit zu nützen war ihm fremd. Darum ist seine Kunst in der Schweiz nur einem kleinen Kreis bekannt, trotzdem sich führende deutsche Museumsleute schon vor dreißig Jahren für ihn einsetzten. Die Ausstellung einer größeren Werkgruppe in der Kunsthalle Hamburg ermöglichte den Kunstfreunden vor drei Jahren Ballmers Entwicklung seit dem Abbruch seines Deutschlandaufenthaltes kennenzulernen. Unsere Ausstellung möchte den Künstler in der Schweiz bekannt machen und zur Diskussion stellen. Seit der Hamburger Schau hat der Tod dem Schaffen Ballmers die Grenze gesetzt. Die seit langem geplante Ausstellung des Lebenden ist zu einer Gedächtnisausstellung geworden. Ein vier Dezennien umfassendes Werk liegt nun abgeschlossen vor uns ausgebreitet."

Es folgt der Text über Karl Ballmer, verfasst von Guido Fischer, dem damaligen Leiter des Aargauer Kunsthauses und selbst Maler:

Karl Ballmer

Der Versuch zwischen dem unter Cuno Amiets Einfluß im Jahre 1914 entstandenen, in der farbigen Realität verhafteten Selbstbildnis des Dreiundzwanzigjährigen und dem Schaffen Ballmers nach dem Ersten Weltkrieg etwas Verbindendes herauszuschälen wäre ein Wagnis. Weder die Farbe, noch die Form oder die Auffassung des scheinbar an seiner eigenen Person nur rein malerisch interessierten jungen Künstlers, lassen seinen späteren verinnerlichten Weg vorausahnen. Zwischen 1914 und 1922 müssen entscheidende Erlebnisse und Einflüsse auf Karl Ballmer eingewirkt haben, die von 1922 an seinem Schaffen eine völlig andere Richtung gaben. Die nach diesem Zeitpunkt entstandenen Werke des Künstlers wirken derart entmaterialisiert, zweidimensional und transparent, daß man zur Annahme gedrängt wird, sie seien durch eine Zeit der Meditation und nicht der sinnlichen Beobachtung vorbereitet worden.

Selten kann die Frage nach dem Ausgangspunkt im Schaffens- und Entwicklungsprozeß eines Künstlers eindeutig beantwortet werden. Ob der Maler eine Idee, eine Vision anschaubar gestaltet, oder ob er umgekehrt vom sinnlich Wahrnehmbaren langsam zur Idee vordringt, dies zu beurteilen, bietet auch bei Karl Ballmer Schwierigkeiten. Man ist versucht das Schaffen zwischen 1920 und 1930 vorwiegend dem ersten Prinzip, das nachfolgende dem umgekehrten zuzuordnen. Zuerst begegnen wir Themen der Menschwerdung. Zarte körperlose schemenhafte Erscheinungen kreisen um Vorstellungen der Mutterschaft, der Begegnung. Man steht vor dem Eindruck ein Künstler erschaffe sich in diesen vertikal-betonten Blättern seine Welt von innen heraus. Erst von der Mitte der zwanziger Jahre an erhalten einzelne Bildelemente festere Form. Die Naturbeobachtung tritt thematisch wie formal deutlich in den Schaffensprozeß. Von nun an entwickelt sich Ballmers plastische Vorstellung zu immer klarerer Monumentalität. Im Gegensatz zur vorangehenden Schaffensstufe, die den Menschen embryonal, ungeformt oder urgeformt als etwas Keimendes zeigt, nimmt er nun immer bestimmtere Proportionen und Haltungen des Sitzenden, Stehenden, Liegenden an. Aber gleichzeitig werden diese der Naturbeobachtung verpflichteten Menschendarstellungen auf wenige, sich fast der Erstarrung nähernde Formeln reduziert, Formeln, die immer wieder auftreten, die in ihrer Knappheit die Bedeutung von Zeichen annehmen und deren formale Konzentration zu geheimnisvoller, sphinxhafter Größe führt.

Zwischen 1930 und 1935 entstandene Landschaften lassen am deutlichsten den überlegen gelenkten Wandlungsprozeß von der realen optischen Erscheinung zum Bildgefüge erkennen. Die übersetzten Naturelemente übernehmen neue farbige, lineare und rhythmische Funktionen, und da sie gestalterisch immer zwingend sind, erliegt Ballmer nie der Gefahr leerer Dekoration. Die Auseinandersetzung mit der Landschaft bereichert des Künstlers räumliche Gestaltungsmittel entscheidend. Mit sparsamsten Andeutungen vermittelt er von nun an dem Betrachter unmißverständlich seine Vorstellungswelt.

Kompositionell wie thematisch scheint Ballmers Werk auf wenige, vom Maler immer wieder aufgenommene und variierte, ein-, zwei- und dreifigurige Bildideen konzentriert. Trotz dieser Beschränkung empfindet man verwandte Gemälde nie als monotone Wiederholungen. Das Bestreben nach immer intensiverer Verdichtung der Bildfläche, nach immer feinerer Differenzierung der kultivierten Farbklänge sichert jedem Werk die unverwechselbare Einmaligkeit. Als starke Einheit wirkt Ballmers Oeuvre vor allem dank der überlegenen, abgeklärten Ruhe, der Noblesse der Farben und Rhythmen. Ballmer strebte nicht danach der Unruhe unserer Zeit Form und Ausdruck zu geben; seine Aufgabe war es der Hast und Unrast unserer Tage etwas klar und fest Gefügtes, einen Halt entgegenzusetzen.

Guido Fischer