[Aus der Website des Spiegel, Bereich Kultur/Literatur/Buchkritik), Montag, 22. September 2003, Seite 212.]

Stilles Glück auf dem Süllberg

Samuel Beckett reiste 1936/37 durch Nazi-Deutschland: Im jetzt erstmals publizierten Hamburg-Kapitel seines Tagebuchs staunt er über lokale Attraktionen und verulkt das Gebrüll Hitlers.

Hage, Volker

Schon um fünf Uhr in der Früh wird der Passagier an Bord des Dampfers "Washington" geweckt. Doch es dauert dann noch zwei Stunden, bis er das Schiff verlassen und in Hamburg an Land gehen kann: am Morgen des 2. Oktober 1936. Drei Tage zuvor ist der 30 Jahre alte Dichter im Süden Irlands zugestiegen ­ nun will er für einige Wochen in Deutschland bleiben und herumreisen.

Samuel Beckett, der hagere Mann, ist damals auch in Literatenkreisen fast völlig unbekannt; er hat nur Weniges veröffentlicht, darunter eine Studie über den bewunderten Kollegen Marcel Proust. Daheim in einem Vorort von Dublin wohnt er wieder bei der Mutter. Sie drängt ihn, sich endlich eine vernünftige Arbeit zu suchen. Ihren Ansprüchen versucht er mit dieser Reise zu entfliehen, auch lästigen Nachfragen, die sie sich nicht verkneifen kann, wenn wieder einmal ein Umschlag mit Becketts Romanmanuskript "Murphy" von einem Verlag zurückkommt (bis 1938, als das Werk einen Verleger findet, wird er 42 Absagen gesammelt haben).

Immerhin hat die Mutter ihm Geld mit auf die Reise gegeben, sie wird ihm auch regelmäßig etwas nach Deutschland schicken: Er hat ihr weisgemacht, er benötige diese Studienreise durch die deutschen Museen, um seine Chancen für eine Anstellung bei der Dubliner National Gallery zu steigern.

Beckett macht sich, kaum dass er ein kleines Hotelzimmer gefunden hat, auf den Weg zum Postamt ("Went to Brieflagernd & Paketlagernd"), ohne dort schon etwas vorzufinden ­ dann ein Rundgang: "Wandered round by Binnenalster, Lombardsbrücke, Jungfernstieg, Adolf Hitler Platz (once Rathausmarkt) and section bounded by Alsterdamm, Glockengiesserwall, Steintorwall (where hotel is) & Mönckebergstrasse." Genau werden auch die Speisen mit Preisen notiert, am ersten Tag: "1.50 for Graupensuppe, Nirenragoût, cheese & beer".

Auf das Geld muss er achten. Bald schon zieht er in eine billigere Unterkunft (in den Colonnaden): "No fliessendes Wasser, no Zentral Heizung, nothing." Ein Antiquariat betritt er gar nicht erst ­ aus Angst, er könnte anfangen, Bücher zu kaufen. Er fährt mit der S-Bahn nach Blankenese, oben auf dem Süllberg genießt er das Alleinsein ("the absurd beauty of being alone"), wandert dann tapfer rund zehn Kilometer zurück bis zum Altonaer Rathaus, wo er in die Straßenbahn steigt, Richtung Jungfernstieg: "Large Löwenbräu in Alster Pavillon" ­ das hat er sich verdient.

In diesem wunderbaren Kauderwelsch aus Englisch und Deutsch notierte sich Samuel Beckett (1906 bis 1989) Einzelheiten seiner Deutschland-Reise in sechs Tagebuchheften, den "German Diaries", die erst nach seinem Tod wieder auftauchen sollten und bisher nur der Beckett-Forschung zugänglich waren.

Nun, fast 70 Jahre nach der Entstehung, soll erstmals ein zusammenhängender Teil, das Hamburg-Kapitel, in begrenzter Auflage publiziert werden ­ zur diesjährigen Buchmesse will die Buchkünstlerin und Schriftstellerin Roswitha Quadflieg, 54, die seit 30 Jahren am Rande von Hamburg ihren Kleinverlag Raamin-Presse betreibt, einen bibliophilen Pressendruck ­ Auflage: 150 Stück, Preis: 1000 Euro ­ herausbringen*. Zusammen mit der Beckett-Übersetzerin Erika Tophoven hat sie es geschafft, vom Beckett-Erben und Nachlassverwalter Edward Beckett, der in London lebt, die Genehmigung zu erhalten.

Eine Reise durch Deutschland im Jahr 1936: Bevor der Beckett-Biograf James Knowlson 1996 als Erster stolz aus den "German Diaries" zitieren durfte, war unklar, wie der Dichter damals die Nazis einschätzte. "Man wusste bisher wenig über Becketts Haltung zu den politischen Ereignissen im damaligen Deutschland", schrieb Knowlson ­ und stellte klar, dass der Besucher mit äußerst wachen Augen das Land und die Leute betrachtete.

Das Hamburg-Kapitel bestätigt das ­ und überraschend zeigt es auch, wie schnell der angeblich so menschenscheue Beckett Kontakt suchte und fand: Sein Besuch in der Hansestadt stellt sich als eine einzige Kette von Bekanntschaften, Einladungen, Besuchen und gemeinsamen Spaziergängen dar. Ein geselliges Leben, in dessen Zentrum Kunstsammlungen, Museen und Buchhandlungen standen.

Einer der neuen Bekannten war der Buchhändler Günter Albrecht (1916 bis 1941), der in der Buchhandlung Saucke arbeitete. Beckett notierte über ihn in seinem Tagebuch, er sei alles andere als "a Hitler Jüngling". Albrecht wiederum schrieb über "Mr Beckett" in einem Brief: "Ein ausgesprochen intellektueller Mensch", der für nichts anderes als "Bauten, Bücher und Bilder" Interesse habe.

Ganz so war es nicht: Da gab es auch ein Fräulein, das Beckett als "charming & extremely good looking" im Tagebuch verewigte (ihren Bruder dagegen kennzeichnete er als den "miesepetrig son" des Hauses) ­ und die Reeperbahn fand er "extraordinary".

Besonders beeindruckte ihn der Friedhof Ohlsdorf, den er mit der Straßenbahn Linie 6 erreichte. Fasziniert notierte er, dass dort reger Autoverkehr zu beobachten ist: "Cars & buses circulate freely through the cemetery." Außerdem hielt er fest: "One Liebespaar", und: "a Leidtragender Trostsuchend- und findender". Vergeblich versuchte er sich an einem Gedicht über den Friedhof ­ viel später sollte Ohlsdorf in der Beckett-Erzählung "Erste Liebe" (1970) wieder auftauchen.

Und das Treiben der Nazis? Im "Deutschlandhaus" (gegenüber dem Gänsemarkt) hört er am 6. Oktober "loudspeaker blaring A. H. & Goebbels opening Winterhilfswerk in Berlin ­ Apoplexy". Die Berliner Schreihälse Hitler und Goebbels, ulkt er, seien wohl einem Schlaganfall nahe. Und hellsichtig fügt er hinzu, sie würden bald Krieg führen oder platzen: "They must fight soon (or burst)."

Einige Tage später macht er sich über eine "SS Blasekapelle" und ihr Geschmetter lustig ­ beim Horst-Wessel-Lied streckte er aus Spaß den falschen Arm aus. Häufig besuchte Beckett die ehemalige "Stadtschänke" an der Dammtorstraße, im Tagebuch kürzte er sie oft mit "SS" ab, "Stadtschänke, not Saalschutz", wie er anmerkt.

Doch der Ernst der Lage wurde ihm spätestens deutlich, als er immer mehr Hamburger Künstler persönlich kennen lernte, die zum Teil schon mit Berufsverbot belegt waren: Einen Brief der Obrigkeit ("als nicht Arier ... nicht geeignet, deutsches Kulturgut zu verwalten") zitiert er ausführlich im Tagebuch.

Die Kunsthalle besuchte Beckett bis Anfang Dezember, als er Hamburg wieder verließ, insgesamt elfmal, zu rund 150 einzelnen Bildern machte er sich Notizen. Da in die Zeit seiner Hamburger Tage auch die Anweisung aus Berlin fiel (am 5. November), Werke der "entarteten Kunst" aus den Ausstellungsräumen zu entfernen, suchte er um Genehmigung nach, sich im Magazin umsehen zu dürfen.

Einer der Angestellten ermöglichte ihm das am 19. November und trug den Besuch Becketts (unter dem Stichwort: "Besichtigung der Kunsthalle durch Ausländer. Einzelfälle") auch brav in die Liste ein: Ein "junger, englischer Literaturhistoriker" habe die Bitte geäußert, nicht öffentlich gezeigte Bilder zu sehen. Die Erlaubnis trug dem Museumsmann prompt eine Rüge ein, die ebenfalls in den Akten der Kunsthalle vermerkt wurde.

Solchen Details ist die Verlegerin Quadflieg nachgegangen, die zu dem im englisch-deutschen Original ("talk the usual Quatsch", Beckett über Beckett) gedruckten Tagebuchtext hilfreiche Anmerkungen gestellt hat ­ auch dem Buchhändler Albrecht hat sie nachgespürt: Er ist im Krieg gefallen, doch eine Kiste mit seinem Nachlass überstand den Hamburger Feuersturm im Sommer 1943 und auch die Neugier von Plünderern.

Jetzt wurden darin unbekannte Briefe und Karten Becketts entdeckt, darunter ein auf Deutsch verfasstes Schreiben aus Berlin vom 31. Dezember 1936, in dem sich der Besucher der in Hamburg erfahrenen "Freundlichkeit" erinnert (siehe Ausriss Seite 212): "Es ist einsam gewesen, seit ich fort von Hamburg bin, aber auf so eine freundliche Weise, dass es mir nicht einmal eingefallen ist, nach dem zu suchen, was man ,Anschluss' nennt."

Am 4. Dezember verließ Samuel Beckett Hamburg, die erste Station auf jener Deutschland-Reise, die sich bis Anfang April 1937 hinzog. Einen Tag vor der Abreise schrieb er ­ ebenfalls in deutscher Sprache ­ in seinem Tagebuch: "Ich weiss ungefähr was ich tue, was ich bin weiss ich gar nicht." Die unerbittliche Suche nach einer Antwort machte ihn viele Jahre später zum weltberühmten Dichter. VOLKER HAGE

OZKOK / SIPA PRESS

Autor Beckett (1966), Beckett-Thema Hamburger Binnenalster (1934): "Large Löwenbräu in Alster Pavillon" ULLSTEIN BILDERDIENST

Autor Beckett (um 1932), Beckett-Brief (Ausriss), Empfänger Albrecht (1939): Auf freundliche Weise einsam MANFRED WITT

Verlegerin Quadflieg Genehmigung vom Beckett-Erben MANFRED WITT

Beckett-Tagebuchheft, Tagebuchseite (Ausschnitt): "Went to Brieflagernd"

* Samuel Beckett: "Alles kommt auf so viel an. Das Hamburg-Kapitel aus den ,German Diaries'". In der Originalfassung transkribiert von Erika Tophoven. Raamin-Presse, Schenefeld bei Hamburg; 72 Seiten; 1000 Euro. Nur direkt bei Raamin-Presse zu beziehen.