Peter Wyssling:
Rudolf Steiners Kampf gegen die motorischen Nerven –
Das Schicksal einer Weltanschauungsentscheidung in Karl Ballmer und Gerhard Kienle

Cover


3., erweiterte und verbesserte Auflage 2016, 548 Seiten

EUR 35,50 / SFR 46,-

ISBN 978-3-930 964-26-0



Das „Nervenproblem“ – die kompromisslose Frontstellung Rudolf Steiners gegen die duale Lehre der sensitiven und motorischen Nerven – ist weder für Steiner selbst noch für die akademische Physiologie ein Problem, wohl aber für anthroposophisch orientierte Wissenschaftler im Spannungsfeld beider Welten. Nach wie vor tritt hier die akademische Heimatlosigkeit der Anthroposophie in aller Schärfe hervor, weil sich im Thema der Willkürbewegung alle physikalischen, physiologischen, psychologischen, spirituellen Gesichtspunkte der Menschenkunde versammeln.

Bei den jahrzehntelangen sporadischen Versuchen, sich der von Steiner gestellten „Hausaufgabe“ zu nähern, sind bisher die wichtigsten Ansätze ignoriert worden. Peter Wyssling lenkt den Blick auf die so verschiedenen Anthroposophen Karl Ballmer und Gerhard Kienle, in deren Begegnung das vermeintlich akademische Thema zum existentiellen Lernprozess wurde. Was zwischen Aristoteles, Galilei und Thomas von Aquino zu verhandeln war, will als überraschender Zufall – immer aufs Neue – in die Welt treten. Gerhard Kienle stellt, als Neurologe und Anthroposoph, gewissermaßen eine Verkörperung des kontroversen „Nervenproblems“ dar. Die Weltanschauungsentscheidung für oder gegen den Menschen (als Urgestalt und Urkraft seiner Evolution und Bewegung) ist Ballmer wie Kienle auf den Leib geschrieben.

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Das Buch begleitet die erweiterte Neuausgabe von Karl Ballmers Briefwechsel über die motorischen Nerven. Die zahlreichen ausführlichen Zitate aus dem Vortragswerk Rudolf Steiners illustrieren Ballmers Mahnung, dass in den Vorträgen Rudolf Steiners das Thema der sogenannten motorischen Nerven stets anlässlich der Behandlung der anspruchsvollsten Weltanschauungsfragen auftritt. Wysslings Anliegen besteht darin, anhand der „Kompassnadel“ Ballmer die Systematik der Steinerschen Weltanschauung herauszuarbeiten. Die Nervenpolemik Steiners, allen aufmerksamen Lesern Steiners bekannt, birgt das Geheimnis der Kontinuität dieser Weltanschauung innerhalb der „3 Phasen“ im Werk Steiners: der anthroposophischen, theosophischen, und derjenigen des „Frühwerkes“.

Der Band kontrastiert Ballmers Briefe mit den Beiträgen neuerer anthroposophischer Autoren zum Thema. Ziel ist der Nachweis, dass es eine Lösung des „Nervenproblems“ erst geben kann, wenn die (von Kienle eingeforderte) Kritik des akademischen „Goetheanismus“ zugelassen wird. – Bei Steiner und Ballmer bedeuten Schicksal und „Wille“ dasselbe; die jetzige, um andere Texte erweiterte Neuausgabe des Briefwechsels setzt das von Ballmer eingeleitete „Experiment“ fort – jene Reifeprüfung, die sich konsequent dem Zufall des laufenden Geschehens ausgesetzt weiß. Die Behandlung des Themas hat weitreichende Konsequenzen, bis hin zu einem neuen Blick auf die vielfältigen „Krisen“ der Gegenwart: auf die unbewältigte „soziale Frage“.

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In der dritten, erweiterten Auflage setzt sich Wyssling auch mit dem zwischenzeitlich (2014) neu erschienenen Buch von Wolfgang Schad: „Die Doppelnatur des Ich – der übersinnliche Mensch und seine Nervenorganisation“ (einer Neufassung des Bandes von 1992 „Die menschliche Nervenorganisation und die soziale Frage“) auseinander. Wyssling: Die von Schad gemeinte „Doppelnatur“, die Dualität von „zerebrozentrischem“ und „sphärisch-höherem“ Ich verfälscht die geisteswissenschaftliche „Doppelnatur“ in einer Weise, die das Ich-Bewusstsein der materialistisch imprägnierten Illusion überlässt, das Körperdasein sei eine „biologisch“-natürliche Einheit. Statt den Einzelkörper und das Nervensystem als Ineinander von Geistesmensch und Gattungsmensch zu konzipieren, wird diese dynamische Zweiheit durch die klassisch-akademische („psychosomatische“) Dualität Körper – Geist ersetzt…